Dr. Wolfgang Stegemann
Dr. Wolfgang Stegemann

Bildung ist Orientierung des Menschen in der Welt.

Bildung ist in ihrer allgemeinsten Beschreibung die Fähigkeit zur Orientierung in der Welt. Von außen betrachtet ist Bildung die Fähigkeit zur Teilnahme am gesellschaftlichen, sowohl privatem wie beruflichem, Leben. Von innen betrachtet ist Bildung Status und Fortschritt der Orientierung. Wie funktioniert dieser Prozess und was beinhaltet er? Die Basis von Bildung ist Lernen, die Basis von Lernen ist Denken, die Basis von Denken ist immer erst assoziatives Denken. Das heißt, das Gehirn gleicht neuronale Muster mit Wahrnehmungsmustern ab und assoziiert letztere an Erstere, soweit dies möglich ist. Piaget hat diesen Vorgang als Assimilation bezeichnet, also das Sammeln von Neuem und Angleichen an Bestehendes. Es ist dies übrigens eine der beiden Grundlagen von Selbstorganisation in der belebten Natur. Das Zweite ist die Reduktion, oder Akkomodation, das heißt, die Zusammenfassung und Komprimierung von Mustern und damit die Bewegung des Denkens auf ein höheres Abstraktionsniveau. Der einzelne Lernprozess setzt also an vorhandenen Mustern und Niveaus an und führt zu höherdimensionalen Mustern. Was bedeutet das für den organisierten Lernprozeß, also z.B. für Schule? Nicht die Vermittlung enzyklopädischen Wissens muss die Strategie sein, sondern funktionales Lernen sollte ermöglicht werden, d.h. im Prozess von Assimilation und Akkomodation sollte Lernen immer den zweiten Schritt im Blick haben oder, wie Lew Wygotski sagte, in der Zone der nächsten Entwicklung stattfinden.

Unser allgemeinbildendes Schulsystem tut dies genau nicht. Es macht seit über zweihundert Jahren nichts anderes, als lexikalisches Wissen zu vermitteln. Es bleibt für den Schüler abstrakt, setzt nicht an seinen Denkmustern an und wird zum großen Teil wieder vergessen. Was für eine Verschwendung von Ressourcen! Vor zweihundert Jahren mussten einem Großteil der Bevölkerung möglichst schnell Grundkenntnisse beigebracht werden, um in den immer mehr werdenden Industriebetrieben eingesetzt werden zu können. Dies ist heute nicht nur nicht mehr notwendig, sondern kontraproduktiv.

Eine zweite Seite von Lernen bezieht sich auf Motivation, deren Grundlage die Bewertung von Lerninhalten ist. Die sog. intrinsische Motivation ergibt sich nur, wenn an vorhandenen Denkmustern angeknüpft und gleichzeitig Neugierde geweckt wird. In dieser Hinsicht sollte man sich methodisch an den sog. neuen Medien orientieren, statt sie zu verteufeln. Sie sind interaktiv, geben schnelles Feedback und erfordern Vorausschau.

Schließlich führt Stress und Angst zu vermindertem oder ausbleibendem Lernerfolg. Es ist also an der Zeit, das allgemeinbildende Schulsystem völlig neu aufzustellen, sinnvollerweise mit rein informativen Zensuren und ohne Sitzenbleiben.

Um es nochmals zu verdeutlichen: Der Unterschied zwischen menschlichem und maschinellem Lernen, zwischen natürlicher und künstlicher Intelligenz ist gravierend. NI ist subjektiv, geschieht in adaptiven Netzen und assimiliert gesellschaftliche Kategorien, KI ist „objektiv“, indem sie ausschließlich mit gesellschaftlichen Kategorien arbeitet, sie ist algorithmisch und logisch.
Menschen lernen also nicht wie Maschinen, und das muss Schule berücksichtigen.