Dr. Wolfgang Stegemann
Dr. Wolfgang Stegemann

Künstliche menschliche Intelligenz

Ich sehe zwei Möglichkeiten für KI. Die erste ist, so weitermachen wie bisher und die neuronalen Netze zu optimieren, die zweite ist, KI in Richtung menschliche KI zu entwickeln.

Bei der ersten Variante wird man früher oder später an die Grenzen der Ressourcen stoßen, da die Rechenkapazität stetig steigen wird.

Bei der zweiten hat man das Problem, keine Idee davon zu haben, wie das gehen soll.

Es besteht ein kurioses Paradox: KI orientiert sich mit ihren neuronalen Netzen an der Hirnforschung und umgekehrt orientiert sich Hirnforschung an künstlichen neuronalen Netzen.

Die Frage ist, will man wirklich künstliche menschliche Intelligenz? Die Gefahr ist groß, dass diese dann irgendwann die Herrschaft über uns erlangt.

Will man diesen Weg aber einschlagen, muss man von Grund auf neu denken.

Die Neurowissenschaften haben EEGs angefertigt, fMRTs gemacht, Gehirne in Scheiben geschnitten u.v.m., also rein empirisch gearbeitet. Sie haben trotz der vielen Daten keine Ahnung, wie das Gehirn funktioniert. Denn sie haben keine wirkliche Theorie vom Menschen. Um ein solches funktionales Modell zu entwickeln muss man die Grundfrage aller Humanwissenschaften neu stellen: Was ist Leben. Erst dann erhält man eine Antwort auf die Frage: was ist das Gehirn, was ist Intelligenz, was ist Bewusstsein.

Die Neurowissenschaft ist naiv in doppelter Hinsicht. Sie glaubt an WYSIWYG und sie denkt, es handelt sich beim Leben um dieselben linearen Beziehungen, wie in der unbelebten Natur: a →b und reduzibel  b →a. Für alles Lebendige gilt das nicht, denn Leben bildet Emergenzen, die irreduzibel sind. Zwischen a und b liegen Reaktionszyklen, die nicht auf ein Element reduzierbar sind, sondern nur auf Prinzipen.

Das zentrale Prinzip, das dem Leben zugrunde liegt, lautet ‚Selbstorganisation‘, also Selbstreproduktion und Selbsterhalt. Das gilt natürlich auch für die Arbeitsweise des Gehirns. Somit arbeitet das Gehirn nicht nach den Regeln der Boolschen Algebra, sondern nach denen der Selbstorganisation. Welche sind das? Kern von Selbstorganisation ist Wachstum, also Agglomeration von Kompatiblem, im Sinne von Expansion und Reduktion (siehe Metabolismus). Für das Denken ist dies das Assoziieren von kompatiblen Mustern. Es gibt also kein JA, NEIN, ODER, sondern Überlagerungen von Zuständen bei Entscheidungen, die man bestenfalls als VIELLEICHT bezeichnen könnte. Diese ständigen Überlagerungen als Assimilation von Neuem führt schließlich zu Akkomodation (Piaget) im Sinne einer Zusammenfassung nach dem Beispiel 1+1+1+1+1 zu 5x1.

Allerdings kommt es bei Überlagerungen an den Rändern zu Unschärfe und ergeben ein unscharfes virtuelles Hologramm. Erst wenn die Schärfe groß genug ist, erfolgt eine Reduktion. Damit wird Komplexität reduziert, allerdings nicht logisch, sondern topologisch.

 

Muster werden zu Impulsmustern komprimiert. Muster werden nicht in Gänze gespeichert, sondern als Impuls, der bei Abruf das gesamte Muster abruft (siehe Sofia M. Landi, Pooja Viswanathan, Stephen Serene, Winrich A. Freiwald. A fast link between face perception and memory in the temporal poleScience, 2021; eabi6671 DOI: 10.1126/science.abi6671).

 

Logik entsteht nicht im Gehirn selbst, sondern wird vermittelt durch Symbole und Sprache. Während das muttersprachliche Geplapper keinen logischen Regeln folgt, stehen diese etwa beim Fremdspracherwerb in der Schule im Vordergrund. Dies ist der entscheidende psychologische Unterschied zwischen Mensch und Tier (der physiologische Unterschied ist offenkundig). Natürlich gibt die Natur eine natürliche Logik vor, allerdings ist die nicht abstrakt-logisch.

Das, was als logisches Denken erscheint, ist in Wirklichkeit die Aneinanderreihung von logischen Bausteinen, also von logischen Begriffen oder Begriffsketten. Das ist ein großer Unterschied. Nicht das Denken des Gehirns ist logisch, sondern der Inhalt. Und erst indem sich das gehirn an der Logik der gegenstände abarbeitet, reproduziert es die Logik, die den Begriffen innewohnt.

 

Das menschliche Gehirn nimmt im Prozess der Selbstreduktion die Funktion des Orientierens in der Welt ein. Es gleicht ständig den inneren Zustand hinsichtlich seines Vitalstatus wie seiner gespeicherten Bedeutungen im Sinne von Normativen ab mit äußeren Gegebenheiten. Es generiert also einen Plan. Ich nenne ihn dynamischen Lebensplan, der ständig zeitlich, räumlich und inhaltlich skaliert wird und Erwartungen, Hoffnungen, Emotionen, Berechnungen, Ziele etc. enthält. In jedem Augenblick setzen wir uns bewusst und unbewusst in Bezug zur Realität, tun also das bioelektrisch, was alle Lebewesen auf ihre Art tun. Es ist eine Art Navigieren mit diesem Plan durch Möglichkeitsräume und der Plan wird ständig angepasst.

 

Das bloße Zusammenschalten von noch so vielen Neuronen bringt kein Bewusstsein hervor. Es braucht eine virtuelle Systemstruktur.

Kombiniert man Tononis informationstheoretisches Modell mit Freuds Strukturmodell, dann kann man das ICH als Ort (Subsystem) maximaler effektiver Information bezeichnen, welches sich gegenüber der Gesamtinformation des Gehirns mit einem bestimmten Faktor hervorhebt. Bewusstsein entsteht ab einer bestimmten Gesamtinformationsmenge sowie durch den Abgleich des ICH mit dem Körperstatus einerseits und (bei allen höheren Tieren) mit Normativen andererseits, wie durch einen Spiegel.

Das ICH entsteht ontogenetisch durch Überlagerungen von Mustern, die symbolisch reduziert werden (Begriffsbildung) und somit den Speicher erheblich erweitern. Damit entsteht ein virtuelles Hologramm, das den Erlebnisraum dessen bildet, was wir Qualia nennen. So verschmelzen Außen- und Innenwelt zu einer ganzheitlichen Wahrnehmung (virtuelles Hologramm)

Das ICH ist teilautonom (bewusst/unbewusst) und hat regulatorische Kraft, kann also sowohl bewusste Entscheidungen treffen, wie auch durch symbolhafte Bilder Zugang zum Soma erhalten (Meditation, Hypnose).

Hier ist z.B. der Ansatzpunkt fernöstlicher Heilmethoden, die zwar spirituell codiert sind, aber einen realen Aspekt der psychischen Architektur ansprechen.

Wir brauchen im Gehirn keinen physikalischen Erlebnisraum. Die Eigenheit eines Hologramms ist ja grade, dass aus einer zweidimensionalen Oberfläche ein dreidimensionaler Erlebnisraum entsteht. So wie wir einen Raum mathematisch berechnen können, kann das Gehirn das auch. Zudem wird es unterstützt durch die dreidimensionale visuelle und haptische Sensorik.

Das Gehirn strebt nach Integration. Es versucht ständig, Widersprüche aus Überlagerungen so oder so aufzulösen, nicht unbedingt vollständig, aber doch so, dass Handlungsfähigkeit möglich ist. Können Widersprüche nicht aufgelöst werden, entstehen Dissonanzen, die, wenn sie nachhaltig werden, zu dauerhaften Störungen führen.

Für künstliche menschliche Intelligenz (KMI) bedeutet dies:

  1. Regeln der Selbstorganisation von Mustern im Sinne von Assoziieren kompatibler Überlagerungsmustern
  2. Reduktion von Mustern als Impulsmuster
  3. Architektur als ICH mit maximaler effektiver Information sowie Abgleich mit Normativen
  4. Virtuell holographische Organisation
  5. Lösung von Dissonanzen zwischen Mustern auf handlungspraktische Art.

Im Wesentlichen wird es darauf ankommen, inwieweit es gelingt, Überlagerungsmuster per Fouriertransformation zu reduzieren, ebenso wie Daten zu komprimieren, möglicherweise durch Compressed Sensing.