Dr. Wolfgang Stegemann
Dr. Wolfgang Stegemann

Methodologische Notiz

Mein epistemologischer Ansatz, den ich in etwa als ontologischen nicht-reduktiven Materialismus bezeichnen würde lässt sich in Stichworten wie folgt darstellen Allgemein: Der Mensch ist wie alle Lebewesen ein selbstorganisierendes System, das den Austausch mit seiner Umwelt, wie alle anderen, auf seine eigene Art und Weise regelt. Diese lässt sich beschreiben als durch ein Zentralnervensystem geregeltes (die anderen Regelungslogiken beschreibe ich an anderer Stelle). Unter den Zentralnervösen gilt die menschliche Regelungslogik durch die Spezifik seines Gehirns als differenzierteste. Darüber hinaus nimmt er keine weitere Sonderstellung ein. Hieraus lassen sich ethische Schlussfolgerungen ableiten. Leib-Seele: es gibt keinen Leib-Seele Dualismus. Alles Mentale ist eine Funktion des Organismus, in Besonderheit des Zentralnervensystems, in Besonderheit des menschlichen Gehirns. Die Unterschiede liegen allein in der Beschreibung der historisch entwickelten Wissenschaftsdisziplinen und der Philosophie. Eine einheitliche Beschreibung lässt sich herstellen, indem die Kategorien übersetzt werden. Eine Systemtheorie des Menschen kann dies leisten. Erkenntnistheorie: Unser Denken wird immer noch von der Philosophie des 19. Jahrhunderts beeinflusst. Dem menschlichen Geist wurde dort die Fähigkeit zugesprochen, die Welt zu erkennen und zwar fast so, wie sie wirklich ist. Dabei wurde die Wirklichkeit ausgeweitet auf das, was sich hinter den Kulissen der Realität abspielt. Die beobachteten Dinge wandten uns ihre Vorderseite zu. Sie ganz zu erkennen, sie also 'an sich' zu erkennen, war ein für manche erreichbares, für andere eher nicht erreichbares Ziel. Für beide stand außer Zweifel, dass es eine solche tatsächliche Realität des Wahren gibt, ob erkennbar oder nicht.
Wie würde die Welt für ein Lichtteilchen, ein Photon aussehen? Gäbe es für dieses auch eine Welt an sich? Das Photon sähe pure Energie, die um es herum wabert. Eine Welt hinter den Kulissen würde keinen Sinn ergeben.
Dasselbe scheint für uns zu gelten. Wir leben in einer Menschenblase, nicht räumlich, sondern erkenntnistheoretisch, so wie das Photon in einer Photonenblase existiert.
Es gibt weder Kulissen, hinter die es zu schauen gilt, noch Dinge an sich. Dies ist eine Konstruktion, ein Abstraktum. Eine objektive Erkenntnis durch ein System wäre ohnehin nur möglich, wenn dieses System mit n bits n + 1 bit hätte, mithin eine Tautologie. Uns fehlt also 1 bit.
Es gibt also ausschließlich eine Welt für uns.

Wie wir aus der Neurowissenschaft wissen, konstruiert unser Gehirn die Welt. Aber natürlich konstruiert es die Innenwelt, die Außenwelt bleibt davon unberührt. Wie ist nun das Verhältnis zwischen unserer konstruierten Innenwelt und der Außenwelt? Ganz einfach: Unser Gehirn rekonstruiert die Außenwelt 1 : 1. Aber: natürlich gemäß der Modalität unseres Gehirns, also so, wie es das Gehirn eben kann. Wir wissen nicht, wie eine Ameise oder ein Stein die Außenwelt ‚wahrnimmt‘, besser was das Ergebnis deren Interaktion mit der Außenwelt ist. M.a.W. es gibt für uns keine Außenwelt an sich, es ist per Definition immer die Welt für uns, also die Welt, wie sie sich für uns darstellt. Heißt das, wir sind alle Soplipsisten? Nein, da wir derselben Spezies angehören, arbeitet unser Gehirn nach derselben Modalität, wir können die Ergebnisse der Interaktion semantisch vermitteln. Was wir nicht ‚vermitteln‘ können, ist unser subjektives Empfinden, auch wenn wir dazu sprachlich auf Basis gleicher Erfahrungen in der Lage sind.

Damit erübrigt sich die Frage, wieweit unsere 'Erkenntnis' der objektiven Realität nahe kommt, ein philosophischer Erkenntnisbegriff ist mithin obsolet.
Diese Welt für uns können wir allerdings untersuchen, können Regeln finden und aufstellen, nach denen wir dann diese Welt nach unseren Bedürfnissen manipulieren können. Wir können die Phänomene dieser Welt zum Gegenstand wissenschaftlicher Forschung machen, und das gilt selbstverständlich auch für unser Gehirn. Methodologie:  Während der Reduktionismus immer kleinere Skalen analysiert und meint, damit die Welt erklären zu können, muss neben der Analyse auch die Synthese erfolgen. Erst diese kann die Komplexität der Welt angemessen darstellen. Ansonsten ließen sich alle Phänomene auf Quantenzufälle reduzieren, was keinerlei Erkenntnisgewinn brächte. Entwicklung ist eine Abfolge von Emergenzen, die regulativ auf ihre Elemente wirkt und Ausgangspunkt der weiteren Entwicklung ist. Sie hat ihre eigenen Gesetzmäßigkeiten, die auf dieser Ebene beschrieben werden müssen. Dort müssen allgemeine Prinzipien der Selbstorganistion gefunden werden. Die Methode bei der Entwicklung meines systemtheoretischen Modells des Menschen am Beispiel ‘Bewusstsein’, die man in Anlehnung an Husserl als phänomenologische Reduktion bezeichnen könnte, in Kurzform:
Schritt 1: Was ist Bewusstsein: Antwort: Eine Eigenschaft des Gehirns als Emergenz.
Schritt 2: Was ist das Wesen/Prinzip dieser Emergenz, was ist also allen (vorangegangenen) Formen gleich (nicht in naturalistischem Sinn, sondern im phänomenologischen). Antwort: es handelt sich um Regulationssysteme, mit denen der Außen- sowie der Innenbezug geregelt wird.
Schritt 3: was ist das Spezifische des Gehirns. Antwort. Es arbeitet bioelektrisch, verarbeitet und generiert Bedeutungen.
Schritt 4: Wie lässt sich diese Arbeitsweise im Einzelnen beschreiben. Antwort (Beispiele): Physiologisch durch die Tätigkeit von Neuronen. psychologisch als Herstellung von Identität, Neuropsychologisch als Konstruktion von Bildern etc. pp.
Will man das Gehirn als das verstehen, was es ist (also nicht nur Biomasse), dann muss man es als Phänomen betrachten und kann es dann aus allen möglichen Perspektiven beschreiben, ohne einem Dualismus, Naturalismus oder Reduktionismus verfallen zu müssen. Die harte Frage der Neurowissenschaft, wie aus Physik Gedanken entstehen, kann nur auf eine solche ganzheitlich Weise beantwortet werden, denn der (gesellschaftliche) Begriff 'Gedanke' lässt sich nicht mit physikalischen Begriffen allein darstellen. Z.B. bezieht man bei einem Computer die Außenwelt ein, wenn man ihn mit externen Daten füttert. Ebenso bestehen Reize, die das menschliche Gehirn verarbeitet, nicht nur aus physikalischen, sondern ebenso aus bedeutungshaften Elementen. 

Nochmal zusammengefasst:

1. In der unbelebten Natur gibt es ausschließlich lineare Beziehungen (darunter fasse ich hier mal auch physikalische Nichtlinearitäten), die zwar nicht reversibel, dafür aber reduzibel sind, zumindest theoretisch.
2. In der belebten Natur ist es völlig anders. Dort generieren Reaktionszyklen neue “Naturgesetze”, z.B. das Prinzip der elektrochemischen Speicherung, das erst mit dem Zentralnervensystem in die Welt gekommen ist. Auf dieser Basis evolviert dieses bis hin zum menschlichen Gehirn. Und dieses Prinzip ist eben nicht reduzibel. Damit hat man ein neues, emergentes System, das sich nun nach seinen eigenen Regeln weiterentwickelt und damit neue Strukturen und Funktionalitäten entwickelt, die wiederum die Basis für weitere Entwicklungen bilden.
Davon völlig unabhängig ist die Analytik, mit der ich Elemente identifiziere, die unabhängig von Funktionalitäten das Gesamtsystem konstituieren.
Man muss also generell unterscheiden zwischen Analyse auf der einen Seite und dem Reduktionismus auf der anderen Seite. Ersteres ist Methode, letzteres ist Methodologie.
Anders ausgedrückt: die Analyse auf immer kleineren Skalen mit immer kleineren Teilen ist legitim, im Umkehrschluss aus den kleinen Teilen das Ganze erklären zu wollen, ist falsch (in der belebten Natur).

Leben verstehen heißt nicht, seine kleinsten Teile zu kennen (das ist selbstverständlich), sondern seine emergenten Systeme mit deren Regeln zu verstehen.

Legen Sie einen Käfer neben einen Stein und beschreiben Sie den Unterschied. Der Physiker wird keinen Unterschied feststellen, der Biologe schon. Aber er benutzt dafür die Sprache der Physik, was wie ein Sprachfehler anmutet. Die Beschreibung der Physik ist quasi zweidimensional, Richtung und Zeit. Die Biologie braucht aber eine dritte Dimension, die Evolution von Emergenzen. Der Grund für diesen Mangel ist ein methodologischer, die Verwechslung von Analyse und Reduktion.
Während man in der Physik jene zweidimensionale Komplexität jederzeit hinsichtlich ihrer Bausteine analysieren und sie auf diese reduzieren kann (Reduktionismus), gelingt dies in der Biologie nicht, ohne die dritte Dimension zu zerstören. Die Analyse der Bausteine ist dort das eine, das andere ist die Reduktion auf Prinzipien. Da das nicht gesehen wird, gelingt es nicht, Begriffe wie Selbstorganisation naturwissenschaftlich zu füllen.
Fragt man also nach den Prinzipien und nicht nach den Bausteinen (stellt diese also kurz einmal zurück), so stellt sich etwa bei dem Begriff der Selbstorganisation die Frage, was bringt ein biologisches System dazu, sich selbst zu organisieren. Schließen wir die Organisation von außen aus, bliebe die Organisation von innen. Wenn es nicht die Bausteine sind (Atomismus, Physikalismus), was ist es dann? Die einzig mögliche logische Antwort ist, es muss ein Steuerungssystem geben. Ich habe versucht dieses Steuerungssystem auf Basis von sog. Metastrukturen darzustellen (https://www.dr-stegemann.de).
Wie aber 'weiß' ein biologisches System, wohin es evolvieren soll, um zu überleben? Kann man es auf ein stochastisches (und damit physikalisches) System reduzieren? Es würde dem internen Steuerungssystem widersprechen. Ich gehe davon aus, dass biologische Systeme innerhalb eines Phasenraumes Mutationen generieren, aber nicht stochastisch, sondern valenzbasiert. Damit meine ich, dass biologische Systeme nur solche Mutationen bilden (können), die a) ihren Systemeigenschaften entsprechen und b) dem 'Aufforderungscharakter' sowie dem Möglichkeitsraum gerecht werden, welche die Umwelt generiert, indem sie sich auf die dortigen 'Valenzen' beziehen. (https://www.dr-stegemann.de/was-ist-leben/).