Dr. Wolfgang Stegemann
Dr. Wolfgang Stegemann

Systemtheoretisches Modell des Organismus als Grundlage einer handlungsorientierten Therapie

Systemtheoretisches Modell des Organismus als Grundlage einer handlungsorientierten Therapie

Die Psychosomatik untersucht den Zusammenhang zwischen psychischen Erscheinungen und somatischen Krankheiten. In der Regel sammelt sie dafür klinische Daten, um so entsprechende Rückschlüsse ziehen zu können.  Auf diese Weise erhält man eine nahezu unüberschaubare Zahl an Befunden. Wäre es nicht sinnvoll, diese Befunde in ein theoretisches Modell des Organismus einordnen zu können, ein Modell, das es erlaubt, die Beziehung der verschiedenen Regulationsebenen zueinander festzustellen sowie die Schnittstellen zwischen ihnen zu beschreiben. Der Vorteil eines solchen Modells wäre, wie etwa bei einem elektrischen Schaltkreis, zu sehen, an welchen Punkten  sich Probleme ergeben und die Stellen zu identifizieren, an denen eine Therapie einsetzen kann. Ein solches theoretisches reduktionistisches Funktionsmodell des Organismus habe ich entwickelt. Es basiert auf der Systemtheorie, da diese am ehesten in der Lage ist, ein solch komplexes Ganzes wie den Organismus darzustellen. Kern dieses Modells ist die sogenannte kausale Emergenztheorie. Sie wurde von dem amerikanischen theoretischen Neurowissenschaftler Erik Hoel wieder in die Diskussion gebracht (Hoel et al. 2013). Er hat versucht zu zeigen, wie sich am Beispiel neuronaler Netze ein System gegenüber seinen Subsystemen verhält und diesen Zusammenhang in eine mathematische Form gebracht. Sein Fazit: ein Gesamtsystem determiniert seine Einzelteile. Ein Beispiel hierfür ist das Leben an sich. Es zwingt Moleküle etwa, Dinge zu tun, die diese in der unbelebten Natur nicht tun würden. Seine Schlagzeile lautet daher: das Makro schlägt das Mikro. Es gibt ein schönes Beispiel hierfür: Man stelle sich ein Rad vor, das den Berg hinunter rollt. Seine Bestandteile, Atome und Moleküle müssen mit den Berg hinunter, ob sie wollen oder nicht. Daraus folgt, dass die Einzelteile das Gesamtsystem zwar konstituieren, das Gesamtsystem aber die Einzelteile reguliert (Hoel. 2013). Untersuchungen an künstlichen neuronalen Netzen, bei denen Subsysteme die Fähigkeit zu zählen entwickelten, ohne dass dies programmiert war, weisen in dieselbe Richtung. (Nasr et al. 2019).

Ich habe diesen Zusammenhang auf den gesamten Organismus übertragen. Die Einzelteile, also die Subsysteme sind die in der Evolution entstanden Regulationssysteme, beginnend mit der einzelnen Zelle, von der in unserem Körper Milliarden enthalten sind. Die einzelne Zelle hat ihren Umweltbezug sowie ihre eigene Regulation per Proteinbildung geregelt. Die nächste Stufe sind Mehrzeller, bei denen die einzelne Zelle nicht mehr autonom ist, sondern in den Zellverband eingebunden ist.  Dadurch ergibt sich ein neues Regulationssystem, das in Form von Gewebe z.B. der Haut vorhanden ist. Darauf folgen die Organe und als letzte Stufe das zentrale Nervensystem, das  den Umweltbezug sowie die interne Regelung vollzieht. Wenden wir die kausale Emergenztheorie hier an, so können wir sagen, dass die jeweils höchste Ebene, also das zentrale Nervensystem, die jeweils darunterliegende Ebene regelt bzw. kontrolliert, mit anderen Worten, das Gesamtsystem, das durch das Zentralnervensystem als führendes System gekennzeichnet, ist kontrolliert die darunterliegenden Ebenen. Wie funktioniert nun die Informationsverarbeitung innerhalb dieses Systems?  Jeder Impuls, der von oben nach unten regulatorisch weitergeleitet wird, muss in den darunterliegenden Systemen systemkonform verarbeitet werden. Ist dies nicht der Fall, treffen also systeminkonforme Impulse auf die jeweils darunterliegenden Systemebenen, sprechen wir von einer Störung. Man kann dies auf verschiedene Weise zum Ausdruck bringen, im Sinne der Informationstheorie würde man sagen, die Entropie steigt an, in Analogie zur Quantenmechanik sagen  wir, die Überlagerungszustände werden nicht aufgelöst, der Kollaps der Wellen- oder Wahrscheinlichkeitsfunktion erfolgt nicht, die Folge ist Verlust der Ordnung und das Entstehen von Chaos. Chaos bedeutet neben dem Verlust  von Ordnung, dass der pure Zufall herrscht. Die jedem Lebewesen inneninnewohnende Fähigkeit zur Selbstreparatur, die wir beobachten von der Zelle bis hin zum gesamten Organismus, wird außer Kraft gesetzt und wendet sich möglicherweise gegen den eigenen Organismus, denn der nun regierende Zufall zeitigt Strukturen die der Selbstreproduktion im Wege stehen. In Bezug auf Krebs etwa wäre also Chaos durch Störung im Zellmetabolismus entstanden und die kontrollierende Ebene wäre etwa die extrazelluläre Matrix als hierarchisch höhere Ebene, welche in diesem Fall die Kontrolle verloren hat. Störungen können von außen durch Strahlung, Gifte etc. entstehen oder von oben, nämlich der Ebene der Organe bzw. im zentralen Nervensystem. Hier sprechen wir dann von psychosomatischen Erkrankungen also von Störungen, die ihren Ursprung im zentralen Nervensystem haben. Die Selbstheilung, also der Reparaturprozess im Organismus, läuft auf Zellebene quasi automatisch und effektiv  ab und je später sie evolutionär entstanden ist und damit komplexer wurde, wird auch die  Selbstregeneration komplexer und damit weniger effektiv.  Man stelle sich dieses Selbstheilungsprinzip vor wie ein Differential, welches Störungen ausgleicht und eine Systembalance wiederherstellt. Im Chaos im beschriebenen Sinne kann dieses Differential nicht effektiv arbeiten.

Das zentrale Nervensystem ist ebenfalls ein System, das sich in Untersysteme aufteilt, auch hier gelten die Prinzipien der kausalen Emergenz. Großhirn Mittelhirn und Stammhirn sind diese Subsysteme. Der sensorische Input wird, soweit er dort ankommt, im Großhirn verarbeitet und an das Mittelhirn, im Wesentlichen an das limbische System, weitergegeben. Dort erfolgt die Bewertung der Informationsverarbeitung und Weiterleitung über das Stammhirn ins Soma. Der Ursprung einer psychosomatischen Störung ist also die inkompatible Bewertung und gefühlsmäßige Verfestigung von sensorischen Einwirkungen.

Hier treffen sich Psychosomatik und Placebo-Effekt, beides zwei Seiten desselben Mechanismus.
Die Impulsweiterleitung verläuft nicht ein- oder zweidimensional, sondern, bedenkt man die millionenfache Beteiligung von Nervenzellen, dreidimensional, möglicherweise im Sinne eines Hologramms. Diese Dreidimensionalität gilt auch für alle weiteren Systemebenen bis „hinunter“ zur Zelle. Und es ist kein kontinuierlicher Impulsstrom, sondern er verläuft in Wellen. Als holografisch wellenartiger Prozess dürfte das Geschehen heterogen und unspezifisch wirken, möglicherweise umso mehr, je „tiefer nach unten“ es geht.

Das, psychologisch gesprochen, Unterbewusstsein ist für unser Thema das zentrale System. Wir müssen dafür sorgen, dass es sich in einem systemkonformen, integrativen Zustand befindet und somit kompatible Informationen ins Soma weiterleitet. Wie schafft man das?

Die Antwort ist, indem man dem Unterbewusstsein mit handlungsorientierten Narrativen hilft, und zwar in Form von Gesten (Goldin-Meadow et al. 2000).  Wesentlich ist, den Fokus auf den eigenen Körper zu legen, wie mit einem Scheinwerfer die betroffenen Körperstellen zu „beleuchten“, sowie zu imaginieren, völlig gesund zu sein, wie man es etwa in der Kindheit oder Jugend war. Einen ganzen Katalog solcher handlungsorientierter Narrative fand ich in einer fernöstlichen Heilmethode (Kok Sui. 2015) und konnte als Beobachter einer solchen Therapiegruppe teils spektakuläre Heilerfolge miterleben. Ich habe in der Folge einige dieser Techniken an nichtspirituell orientierten Personen mit unterschiedlichen Krankheitsbildern ausprobiert. Die Jahrhunderte alte Erfahrung hinter diesen Anwendungen wirkt unabhängig von der Weltanschauung und unterstützt die Selbstheilungskräfte.

Ein solcher nicht pharmakologischer Therapieansatz ist erfahrungsgemäß langwieriger, er greift tiefer in die Persönlichkeitsstruktur des Patienten ein und bricht alte Denk- und Gefühlsstrukturen auf. Der Vorteil einer solchen mentalen Selbstheilung liegt auf der Hand, die Therapie kann systematisch in die Hand des Patienten übergehen. Die von mir behandelten Personen praktizieren dies inzwischen selber.

Fazit:

  1. Die kausale Emergenztheorie weist auf die Dominanz des ZNS im Allgemeinen und des Unterbewusstseins im Konkreten als Zentrum gegenüber allen anderen organismischen Regulationsebenen hin.
  2. Selbstheilung als Naturprinzip, ohne das es kein Leben gäbe, ist auf Zellebene ein fest programmierter Vorgang, fluktuiert zum ZNS hin, so dass der Vorgang dort unterstützt werden muss.
  3. Die Unterstützung des Unterbewusstseins kann bestens durch handlungsorientierte Narrative erfolgen, deren Vorteil in einer einfachen Standardisierung liegt sowie in der Weiterführung der Techniken durch den Patienten.
  4. Solche Narrative stehen in fernöstlichen Heilmethoden zur Verfügung, deren spirituelle Begründung ersetzt werden kann durch den Hinweis auf jahrhundertealte Praxis, die unabhängig von der Weltanschauung wirkt.
  5. Gegenüber dem puren Placeboeffekt nimmt man das Geschehen hier selbst in die Hand.

 

-Goldin-Meadow, Susan u.a.  The Relation Between Gesture and Speech in Congenitally Blind and Sighted Language-Learners, in: Journal of Nonverbal Behavior June 2000, Volume 24, Issue 2
-Hoel, E. P., Albantakis, L., & Tononi, G. (2013). Quantifying Causal emergence shows that macro can beat micro. Proceedings Of the National Academy Of Sciences, 110(49)
-Kok Sui, Choa, Grundlagen des Pranaheilens, Burgrain 2015
-Nasr, Khaled, Pooja Viswanathan, Andreas Nieder, Number detectors spontaneously emerge in a deep neural network designed for visual object recognition, in: Science Advances Vol 5, No. 5, 01 May 2019