Dr. Wolfgang Stegemann
Dr. Wolfgang Stegemann

Systemtheorie des Bewusstseins.

Könnten wir mit geeigneter Technik ins Innere unseres Gehirns blicken und in vivo sehen, wie das Denken Milliarden von Neuronen orchestriert, wüssten wir immer noch nicht, was da genau vor sich geht und vor allem nicht, warum.

Um solche grundlegenden Zusammenhänge zu erhellen, muss man die Grundfrage der Humanwissenschaft neu stellen, die lautet, was ist Leben. Seit der Begriff der Selbstorganisation Einzug in die Wissenschaft gehalten hat, lässt sich Leben als autopoietisches System erklären, das sich gegenüber seiner Umwelt als autonom und selbstreproduzierend und vor allem auch selbstreparierend zeigt. Wenn diese Beschreibung für Leben im Allgemeinen gilt, dann muss sie auch für das Denken und das Bewußtsein gelten. Gegenüber Selbstorganisation in der unbelebten Natur, die durch die im Universum herrschenden Kräfte erklärbar ist, wenn etwa aus Atomen Elemente werden, aus diesen Moleküle und so weiter, können wir hier von Selbstorgansation 2.0 sprechen. Es ist eine neue Form, die nicht einfach aus der Wirkung von Kräften erklärbar ist. Gleichsam ist Selbstorganisation hier ein Begriff, der nicht analytisch, sondern nur beschreibend ist. Es stellt sich also die Frage, was treibt Selbstorganisation an, was ist ihr Kern? Die Antwort ist relativ einfach: Expansion und Reduktion, oder: Wachstum und Komprimierung. Dies sind nicht nur die Grundlagen von Energieaustausch, also Stoffwechsel, sondern auch die der Evolution. Die Umwelt stellt dem Leben Möglichkeitsräume zur Verfügung, die dieses durch Wachstum ausschöpft. Die Begrenzungen der Möglichkeitsräume sind gleichzeitig die Grenzen des Wachstums. Die Selektion erfolgt über die Durchsetzungsfähikeit der Variante, sie bleibt bestehen und wird ins Genom eingeschrieben. Insofern muss die Evolutionstheorie präzisiert werden: treibende Kraft sind nicht zufällige, endogene Mutationen. Sie würde Leben ad absurdum führen, indem sie die Selbstreparaturkapazität übersteigen würden. Bleiben sie unterhalb dieser Kapazitätsgrenze, werden sie „repariert“. Evidente Mutationen sind in Wirklichkeit das Ergebnis äußerer Einflüsse, Mutation und Selektion sind nicht die Triebfeder, sondern Phänomene der Evolution.

Leben reguliert sich also selbst, indem die Umwelt Möglichkeiten und Beschränkungen des Wachstums setzt und es zwingt, Wachstum zu differenzieren und zu komprimieren. Infolgedessen ist das menschliche Gehirn eine mögliche logische Folge der Evolution.
Die erste von mehreren Regulationsweisen ist die des Einzellers, der seine Umweltbeziehung sowie seine interne Regulation auf seine spezielle Weise vollzieht, man könnte sagen proteinbildend. Bei Mehrzellern spielt diese Art der Regulation nicht mehr die führende Rolle, bei einfachen Organismen entsteht wieder eine neue Regulationsebene und schließlich führt die Entstehung zentraler Nervensysteme zur neuronalen Regulation, nach innen wie nach außen. Beim Menschen finden sich alle diese Ebenen wieder und jede arbeitet nach wie vor auf die gleiche ihr eigene Art und Weise. Allerdings stehen diese Emergenzen in einem kausalen Verhältnis zueinander. So wie Leben Moleküle dazu zwingt, Dinge zu tun, die diese in der unbelebten Natur nicht tun würden oder so wie Sonnensysteme die Planeten in bestimmte Bahnen zwingen, so determiniert ein gesamter Organismus seine Subsysteme. Zwar konstituieren die Einzelteile das Gesamtsystem, dieses aber reguliert die Einzelteile. In dieser Weise stellen wir also eine funktionelle Top-down-Regulation fest. Unser Organismus wird repräsentiert durch die neuronale Methode der Regulation und damit ist sie es, die die „darunterliegenden“ Systeme reguliert. Allerdings nicht direkt, sondern vermittelt über die jeweiligen Schnittstellen. Es ist dies der Mechanismus, der in der Lage ist, etwa den Placeboeffekt zu erklären, aber ebenso psychosomatische Erkrankungen einschließlich Krebs. Betrachtet man den formalen Informationsfluss, so kann man allgemein sagen, tritt eine Störung in einem System auf, welche dieses in einen Zustand maximaler Entropie treibt, geht die regulatorische bzw. die Kontrollfunktion für die „darunterliegende“ Ebene verloren, mit der Folge, dass auch dort die Ordnung verloren geht und Chaos entsteht. Chaos bedeutet, dass dort fortan der Zufall regiert und sich somit Strukturen bilden, die nicht mehr systemkonform sind. So kann eine Störung auf der extrazellulären Ebene die Zellordnung stören und zufällig Gene aktivieren, die für Krebserkrankungen verantwortlich gemacht werden können.

 Auf Ebene des zentralen Nervensystems gelten kausale Emergenz und Selbstorganisation ebenso, wie im Allgemeinen und auf jeder einzelnen Stufe (Selbstorganisation 2.1 bis 2.n). Piaget hat etwa Lernen beschrieben als Assimilation neuer Inhalte an bestehende Strukturen sowie Akkomodation des Lernniveaus auf eine neue Abstraktionsstufe (also Wachstum und Reduktion). Das Großhirn ist gegenüber den beiden anderen die führende Instanz bei der Orientierung des Menschen in der Welt. Allerdings spielt bezogen auf den gesamten Organismus derjenige Bereich die größte Rolle, in dem die Informationsdichte für das System am größten ist, und das ist das Mittelhirn, in dem Informationen von oben und unten zusammenfließen und das sowohl emotionale wie auch logisch operationale Informationen verarbeitet und damit Umweltbezug einerseits und interne Steuerung andererseits reguliert. Hier dürfte auch der Kern des Ichs verortet werden. Es ist die Instanz, die sich aus den Überschneidungen und damit verstärkten Einschreibungen von Informationen ergibt. Sie initiiert Denken neben sensorischen Impulsen selbst. Sie orchestriert die Neuronen, wenn auch nicht immer und nicht vollständig. Sie ist der Kern der neuronalen Selbstorganisation, erhält inputs aus allen Arealen und gibt sie dorthin zurück. Bewußtsein ist, um beim Orchestrieren zu bleiben, wie eine Symphonie, die dahinläuft und durch Crescendos, dem Denken, phrasiert wird. Die Noten liefert die Gesellschaft, ein Teil ist aber Improvisation und zusammen erfolgt die Interpretation durch das Ich.

Könnten wir diese Vorgänge, wie oben gesagt, beobachten, würden wir vielleicht zwei- und dreidimensionale, sich überlagernde Wellen sehen, die nicht nur Einträge in den verschiedenen Hirnarealen machen, sondern sie auch dort abrufen und sich zuspitzen oder, in bildhafter Analogie zur Quantenmechnik, in einem konkreten Gedankenschluss kollabieren. Vielleicht könnten wir auch die Topologie erkennen, die sie hinterlassen. Sie sähe, als menschliches neuronales Netzwerk, in jedem Fall völlig anders aus, als ein künstliches.

Übrigens wird eine Black-Box auch in Zukunft geschlossen bleiben, die der persönlichen Empfindung all dessen, was Bewußtsein, Ich und Denken bedeutet und was wir Qualia nennen.