Dr. Wolfgang Stegemann
Dr. Wolfgang Stegemann

Wie der Kopf den Körper heilt

Vor einigen Jahren kam ich zufälligerweise in Kontakt mit einer fernöstlichen spirituellen Heilmethode und war sehr überrascht von der Wirkung und den Heilerfolgen. Ich ließ mich in der Technik unterweisen und konnte bald selbst ähnlich gute Erfahrungen in der Arbeit mit Klienten machen. Die Technik besteht in einer körperlosen Reinigung, die man mit der Hand ausführt im Sinne eines Wegwischens von negativer oder verschmutzter Energie aus dem feinstofflichen Energiekörper. Dies kann durch einen Therapeuten geschehen oder man wendet es selbst an, indem man sich seinen Körper wie ein Bild vorstellt, das gegenüber steht.

Ausgestattet mit diesem Insiderwissen versuchte ich nun, ähnliche Erfolge mit Personen zu erzielen, die wie ich, nicht spirituell waren. Und, was soll ich sagen, es scheiterte krachend. Schon bei den ersten Versuchen winkte man ab, belächelte das Unterfangen und reagierte eigentlich genau so, wie ich es auch getan hätte, wäre jemand mit diesem Ansinnen an mich herangetreten. Ich beschäftigte mich daraufhin intensiv mit Placeboforschung und fand dort ähnlich spektakuläre Heilerfolge, wie zum Beispiel Scheinoperationen, bei denen ein Magengeschwür verschwand, ohne dass wirklich operiert wurde.

Der Vorteil dieses Placeboeffekts war offenkundig die Autorität der Pille bzw. des Arztes. Genau dasselbe geschah bei der spirituellen Methode. Auch dort gab es diese Autorität, in Form der spirituellen Überzeugung. Dies fehlte bei meinen Versuchen mit rationalen Menschen. Ich musste also eine rationale Erklärung finden. Ich versuchte in der Folge, ein Modell zu entwickeln, das den Placeboeffekt rational erklären konnte.

Das Modell ließ zwei Schlussfolgerungen zu: 1. Die Handlungsorientierten Techniken der Prana-Methode sprachen genau die Verbindung an, die zwischen unserer Kognition und unseren Gesten besteht, die wir automatisch verwenden, wenn wir einem Fremden etwa den Weg erklären wollen. Wir nehmen dazu unwillkürlich die Hand zuhilfe. 2. Die Pranamethode verwendet Bilder, indem sie Szenen kreiert, die wie im Schauspiel Bedeutungen vermitteln. Es sind handlungsorientierte Narrative, die die Sprache des Unterbewußtseins sprechen. Gesprochene und gedachte Sprache hat sowohl semantisch-logische wie symbolhaft-bedeutungsvolle Anteile. Bei dieser Methode geht es um Letztere. 3. Die Erklärung der Placeboforschung, dass der Heilungserfolg mit der Erwartung steigt, halte ich für falsch. Ich denke, dass es die Überzeugung, das Wissen ist, gesund zu werden. Dazu weiter unten.

Ich sagte also den Klienten, dass die Prana-Technik uns hilft, über das Unterbewusstsein die Selbstheilungskräfte anzusprechen, eben die Selbstheilungskräfte, die in der einzelnen  Körperzelle ohne Zutun, automatisch und direkt ablaufen. Während sie dort wie von selbst ihre Arbeit verrichten, müssen wir sie „oben im Kopf“ unterstützen. Und sobald wir das entsprechend tun, wirken diese Kräfte dort genauso effektiv.
Und ich sagte ihnen, sie sollten die Narrative genauso verwenden, wie sie beschrieben sind, auch wenn es spirituelle Bilder sind, die nicht der realen Welt entsprechen. Eine weitere Form der Imagination ist, sich vorzustellen, man wäre jung und gesund, sich erinnern an einen Punkt der eigenen Vergangenheit, an dem man sich gut und fit fühlte und diesen Zustand in die gegenwart holt. Nicht also die Erwartung ist ausschlaggebend, sondern das aktuelle imaginäre Empfinden von Gesundheit.

Es stellte sich in der Folge genau derselbe Erfolg ein wie bei den spirituell orientierten Personen. Je länger man die Technik praktizierte, desto einfacher kam man in einen Flow. Die Klienten berichteten davon, dass sie mit der Hand förmlich die negative Energie spürten, so als würde man Wolle oder Spinnweben anfassen. Es ist ein Prozess der Konditionierung. Und es ist ein magisches Gefühl, das sich bei allen einstellt. Von den etwa 30 Personen, mit denen ich im Verlauf von ca. zwei Jahren gearbeitet habe, schaffte es die Hälfte, die Techniken länger als ein halbes Jahr anzuwenden und fünf Personen berichten mir in unregelmäßigen Abständen, dass sie die Technik dauerhaft anwenden und damit die unterschiedlichsten Beschwerden bekämpfen. Diese reichen von ständigen Kopfschmerzen, über Magenbeschwerden hin zu extremen Herzrhythmusstörungen. Eine Krebspatientin, die bereits auf eine Palliativstation verlegt werden sollte, wurde nach einem halben Jahr mit positiver Prognose entlassen. Man darf diese subjektiven Erfahrungen natürlich keinesfalls überbewerten, sondern man muss sie vor allem richtig einordnen. Eine solche, ich nenne sie mal, Placebotherapie, kann solche Erfolge zeitigen, muss es aber nicht. Physische Prozesse sind, wie psychische, nichtlinear. Es gibt zwar bestimmte Kausalitäten, diese sind aber nicht deterministisch. Man kann mit solchen Aktionen Prozesse anstoßen, man kann aber nicht mit Sicherheit sagen, welche Richtung sie somatisch exakt einschlagen.

Der Vorteil dieser Technik gegenüber klassischen Placebos, also auch gegenüber Homöopathie und anderen aber liegt zum einen in der gezielten Auslösung des Effekts, zum anderen in der Anwendung durch die Patienten selber. Es hat nichts mit Praktiken zu tun, die man macht, weil sie trendig sind, wie Yoga oder Meditation, sondern es ist zielgerichtet auf eine bestimmte Beschwerde und fördert die Vorstellung, selbst und unmittelbar seine Gesundheit in die eigene Hand nehmen zu können. Das verschafft Unabhängigkeit und Souveränität dem eigenen Körper gegenüber und mindert aufkommende Panik. Und ein weiterer entscheidender Grund: diese Praktik lässt sich rational/ wissenschaftlich herleiten, während man an die anderen Vorgehensweisen nur glauben kann.

Die fünf Personen, zu denen ich noch losen Kontakt habe, sind durch die Anwendung der Prana-Technik nicht fahrlässiger bezüglich ihrer Gesundheit geworden, im Gegenteil.

Es scheint, als wäre es sinnvoller, Elemente aus anderen Kulturen zu adaptieren, als sie eins zu eins zu übernehmen.

 

Weder in der Medizin noch in der Psychologie gibt es ein funktionelles Modell des menschlichen Organismus, das in der Lage wäre, den Placeboeffekt zu erklären.  Der Grund dafür liegt schlichtweg darin, dass man meint, keines zu brauchen. Die gängige Vorgehensweise der Wissenschaft ist nicht nur – neben der Empirie – die Analyse des Gegenstandes bis auf kleinste Skalen, was Wissenschaft und Technik ungeheuere Erfolge beschert hat, sondern die Erklärung aller Erscheinungen ausgehend von diesen kleinen und kleinsten Elementen. Und dieser zweite Teil der Methode führt dazu, dass komplexe Zusammenhänge in ihrer eigenen Dynamik und Gesetzmäßigkeit nicht erkannt werden können. Diese als Reduktionismus bekannte Methodologie führt notwendigerweise zum Dualismus von etwa biologischen und psychologischen Erscheinungen und ihren Beschreibungen. Um Vorgänge zu beschreiben, die sowohl psychische wie somatische Prozesse beinhalten, ist es daher notwendig, Phänomene nicht auf der Ebene ihrer Elemente, sondern auf der Ebene der Phänomene selbst zu untersuchen.

Seit es das Paradigma der Selbstorganisation gibt beschreiben wir Leben sowie alle seine Stufen als autopoietische Systeme, die sich selbst reproduzieren und reparieren und sich als solche im Austausch mit ihrer Umwelt befinden. Die einzelnen funktionellen Entwicklungsstufen dieses Austausches lassen sich darstellen als Regulationsebenen vom Einzeller über den Mehrzeller zu den Organismen bis hin zu den zentralnervösen Lebewesen und schließlich dort zur differenziertesten Form, nämlich dem menschlichen Gehirn. Alle diese Stufen sind emergente Systeme und finden sich im Menschen wieder und jede agiert nach wie vor nach ihrer eigenen Logik. Der Einzeller bzw. die einzelne Zelle arbeitet proteinbildend, das menschliche Gehirn arbeitet bioelektrisch. Wie aber ist das Verhältnis der Stufen bzw. Systeme zueinander? Ebenso wie Leben an sich einzelne Moleküle dazu bringt, Dinge zu tun, die diese in der unbelebten Natur nicht tun würden, verhält sich der Organismus gegenüber seinen Teilen, hier gegenüber evolutionär früher entstandenen Subsystemen. Und es gibt ein zweites Merkmal: Bei gekoppelten biologischen Systemen hat immer das System die führende Rolle, das die höchste Informationsdichte (Tonnoni) beinhaltet. Beim Menschen ist das das zentrale Nervensystem. Es reguliert nach außen und nach innen. Die organische Kausalität verläuft also von ‚oben nach unten‘. Dieser Zusammenhang lässt sich  mathematisch darstellen (Hoel).

Wie erfolgt der Informationsfluss von oben nach unten?
Nehmen Sie zwei miteinander verbundene Systeme (was in der Natur der Normalfall ist), dann übt System A einen Einfluss auf Elemente des Systems B aus, wie sich aber die Elemente im System B verhalten, weiß man nicht. Man weiß nur, dass es einen Einfluss gibt. Und dieser ist nichtlinear. Organische Schnittstellen induzieren immer nichtlineares Verhalten. Übt also das Nervensystem einen positiven Einfluss auf das Organsystem aus, dann kann man sagen, dass dieser Einfluss zu einem integrativen Verhalten des Organsystems führen wird. Welcher dies genau ist, weiß man nicht. Ebenso verhält es sich mit negativen, störenden Einflüssen. Diese Einflüsse setzen sich über die jeweiligen Schnittstellen bis zum Genom fort. Wie sie sich auf den einzelnen Ebenen auswirken, hängt von der Art des genetischen Mosaiks ab, also der Programmierung des Organismus zu einem bestimmten Zeitpunkt. Störungen können natürlich nicht nur mental, sondern auf allen Ebenen induziert werden (Strahlen, Toxine etc.).

Für unser Thema, den mentalen Einfluss auf somatische Prozesse ist noch ein anderer Aspekt wichtig. Für das einzelne Individuum liegt die höchste Informationsdichte nicht etwa im Großhirn, sondern dort, wo die meisten Informationen subjekthaft zusammenfließen, nämlich im mittleren Hirnbereich, wo somatische Informationen sich mit logisch abstraken bedeutungshaften überlagern und bewertet werden. Dort werden Bewusstsein und Unterbewusstsein generiert. Genau dort ist der Einstiegspunkt für eine gezielte Einflussnahme auf den Körper. Dort muss bewusst mit unterbewussten Stilmitteln, also symbolhaften Bedeutungen gearbeitet werden. Hier ist der Punkt, wo die Top-Down Regulation beginnt, wo die vorher genannte Pranatechnik ansetzt.

 

-Goldin-Meadow, Susan u.a.  The Relation Between Gesture and Speech in Congenitally Blind and Sighted Language-Learners, in: Journal of Nonverbal Behavior June 2000, Volume 24, Issue 2
-Damasio, A., et al.: Subcortical and cortical brain activity during the feeling of self-​generated emotions. Nature Neuroscience. 2000
-Hoel, E. P., Albantakis, L., & Tononi, G. (2013). Quantifying Causal emergence shows that macro can beat micro. Proceedings Of the National Academy Of Sciences, 110(49)
-https://academic.oup.com/nc/article/2016/1/niw012/2757132?login=true

-Kok Sui, Choa, Grundlagen des Pranaheilens, Burgrain 2015
- Maturana Humberto R. and Francisco J. Varela, The Tree of Knowledge. The Biological ROCJts of Human Understanding. Boston & London: New Science Library, 1987
-Prigogine Ilya: Non-Equilibrium Statistical Mechanics. Interscience Publishers, 1962

 

Bad Iburg 2019.