Dr. Wolfgang Stegemann
Dr. Wolfgang Stegemann

Turmbau zu Babel 2.0

Wie der westliche Werteuniversalismus die Welt spaltet

 

„Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen.“

Genesis 11,4

1. Einleitung: Die Sprachverwirrung der Gegenwart

Die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel beschreibt eine Menschheit, die in übersteigertem Selbstvertrauen einen Turm bis zum Himmel errichten will und dafür mit Sprachverwirrung bestraft wird. Die Menschen können einander nicht mehr verstehen, das gemeinsame Projekt zerbricht, und sie zerstreuen sich über die Erde. Was als theologische Parabel angelegt war, erweist sich heute als präzise Diagnose einer politischen Wirklichkeit, in der Gesellschaften sowohl intern als auch untereinander tief gespalten sind, obwohl sie niemals über bessere technische Möglichkeiten der Verständigung verfügten.

Die These dieses Artikels lautet: Der tiefste Grund dieser Spaltung liegt nicht in mangelnder Kommunikation, nicht in ökonomischer Ungleichheit und auch nicht in kulturellen Differenzen als solchen. Er liegt in einer spezifisch westlichen Überzeugung, die ihre historischen Wurzeln wesentlich im deutschen Idealismus hat: der Annahme, dass es universelle Werte gibt, die von den westlichen Demokratien in einzigartiger Weise vertreten werden, und dass diese Werte einen unbedingten Geltungsanspruch gegenüber allen anderen Kulturen und politischen Ordnungen besitzen. Diese Überzeugung, so das Argument, ist keine neutrale philosophische Position, sondern eine ungeheure Hybris, die in ihren geopolitischen Konsequenzen verheerend wirkt.

 

2. Die ideengeschichtlichen Wurzeln des westlichen Werteuniversalismus

Um die gegenwärtige Situation zu verstehen, muss man ihre ideengeschichtliche Tiefenstruktur freilegen. Die Vorstellung universell gültiger moralischer Prinzipien ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Produkt einer bestimmten europäischen Denktradition, die sich über mehrere Jahrhunderte entfaltet hat.

Bereits die Aufklärung formulierte den Anspruch, durch Vernunft allgemeingültige Prinzipien des menschlichen Zusammenlebens ableiten zu können. Kant radikalisierte diesen Gedanken, indem er mit dem kategorischen Imperativ ein formales Moralprinzip entwarf, das qua Vernunft für alle rationalen Wesen gelten sollte. Hegel überführte diesen Universalitätsanspruch in eine Geschichtsphilosophie, die den Gang der Weltgeschichte als fortschreitende Verwirklichung der Freiheit deutete. In dieser Perspektive wurden außereuropäische Gesellschaften zu bloßen Vorstufen einer Entwicklung, deren Ziel in den europäischen Verfassungsstaaten bereits erreicht war. Fichte wiederum verband den Universalitätsanspruch mit einem emphatischen Nationsbegriff: Die deutsche Nation sollte als besonders philosophisch begabte Trägerin universeller Werte fungieren.

Diese ideengeschichtliche Linie wurde im 20. Jahrhundert säkularisiert und politisiert. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und insbesondere nach 1989 verfestigte sich im Westen die Überzeugung, dass die liberale Demokratie westlicher Prägung das definitive Modell politischer Organisation darstelle. Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ brachte diese Haltung auf den Punkt: Der weltanschauliche Wettkampf sei entschieden, die Menschheit konvergiere unweigerlich auf das westlich-liberale Modell. Was Fukuyama als Analyse formulierte, wurde in der westlichen politischen Klasse zum operativen Dogma.

 

3. Der neokolonialistische Charakter der Werte-Ideologie

Was sich als universelle Werteordnung präsentiert, ist bei genauerem Hinsehen eine partikulare Weltanschauung, die sich universal setzt. Diese Struktur ist keineswegs neu. Sie wiederholt in säkularisierter Form die Logik der christlichen Missionierung: Wie einst das Christentum als einzig wahre Religion auch gegen den Willen der Missionierten verbreitet wurde, so wird heute die liberale Demokratie westlicher Prägung als einzig legitime Gesellschaftsform propagiert. Die Parallele reicht bis in die Methoden: Wirtschaftliche Sanktionen ersetzen den Handelsboykott, mediale Kampagnen die Predigt, Régime Change die Bekehrung.

Der neokolonialistische Charakter dieser Werteideologie zeigt sich darin, dass sie systematisch die Perspektive derjenigen ausblendet, die sich nicht freiwillig in die westliche Ordnung einfügen. Wenn China ein eigenes Modell politischer Organisation verfolgt, wenn Russland sich gegen die NATO-Osterweiterung wehrt, wenn afrikanische Staaten sich weigern, westliche Sanktionspolitik mitzutragen, wird dies nicht als legitime Ausübung politischer Souveränität wahrgenommen, sondern als moralisches Defizit. Die Differenz zwischen der eigenen und der fremden Position wird nicht als politische Differenz verstanden, die nach politischen Lösungen verlangt, sondern als Differenz zwischen dem Richtigen und dem Falschen, zwischen Zivilisation und Barbarei.

Diese manichäische Weltsicht macht Dialog im eigentlichen Sinne unmöglich. Denn Dialog setzt voraus, dass man die Position des Gegenübers als eine ernstzunehmende Perspektive anerkennt, auch wenn man sie nicht teilt. Wenn aber die eigene Position bereits als universell gültig feststeht, kann das Gegenüber nur noch belehrt, nicht mehr gehört werden. Was als „wertebasierte Außenpolitik“ firmiert, ist daher strukturell monologisch: Sie spricht, aber sie hört nicht zu.

 

4. Das transatlantische Missverständnis: Hegemonie und Idealismus

Die Rede vom „Westen“ als einheitlichem Akteur verdeckt eine Bruchlinie, die für das Verständnis der gegenwärtigen Krise entscheidend ist. Denn der Westen besteht aus zwei fundamental verschiedenen Logiken, die sich hinter derselben Rhetorik verbergen und einander gründlich missverstehen. Auf der einen Seite stehen die Vereinigten Staaten, auf der anderen das kontinentaleuropäische Projekt, allen voran Deutschland. Beide sprechen von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten. Aber sie meinen damit völlig Verschiedenes.

Für die USA waren Werte zu keinem Zeitpunkt ein Selbstzweck, sondern stets ein Instrument der Machtprojektion. Von der Monroe-Doktrin über die Truman-Doktrin bis hin zu den Interventionen im Irak, in Libyen und in Syrien folgte die amerikanische Außenpolitik einer klaren Logik: Die Ausbreitung amerikanischer „Werte“ diente der Sicherung amerikanischer Interessen, insbesondere ökonomischer und geostrategischer Natur. Das war nie ein Geheimnis, aber es war lange Zeit in die Sprache des Idealismus gekleidet. Wenn Amerika Demokratie exportierte, dann nicht, weil es an die Demokratie glaubte, sondern weil demokratische, marktwirtschaftlich orientierte Staaten verlässlichere Handelspartner und Verbündete darstellten als autokratische Regime mit eigenen Ambitionen.

Die Regierung von Donald Trump hat diesen Zusammenhang nicht erfunden, sondern lediglich offengelegt. „America First“ ist keine Abkehr von der bisherigen amerikanischen Außenpolitik, sondern deren Enthüllung. Was sich geändert hat, ist nicht die Substanz, sondern die Verpackung: Man verzichtet nun auf die idealistische Rhétorique und benennt offen, was immer schon galt. Die USA verfolgen ihre nationalen Interessen, und zwar rücksichtslos. Dass dies die europäischen Verbündeten schockiert, sagt weniger über Amerika aus als über die europäische Naivität.

Denn Europa, und insbesondere Deutschland, hat den amerikanischen Werteuniversalismus für bare Münze genommen. Die Deutschen, geprägt von der idealistischen Philosophietradition und dem traumatischen Bruch mit dem Nationalsozialismus, entwickelten nach 1945 eine politische Identität, die sich wesentlich über Werte definierte. Das Grundgesetz, die europäische Integration, die Menschenrechtspolitik – all dies war für die deutsche politische Klasse nicht bloße Rhetorik, sondern tiefste Überzeugung. Als die Amerikaner von der „Verteidigung der Demokratie“ sprachen, hörten die Deutschen: moralische Mission. Die Amerikaner meinten: Einflusszone.

Dieses Missverständnis hat jahrzehntelang funktioniert, weil die beiden Logiken zufällig in dieselbe Richtung wiesen. Solange die Sowjetunion der gemeinsame Gegner war, war es gleichgültig, ob man sie aus machtpolitischen oder aus wertepolitischen Gründen bekämpfte. Der Kalte Krieg war das goldene Zeitalter der transatlantischen Selbsttäuschung: Die Amerikaner glaubten, die Europäer seien ihre nützlichen Verbündeten; die Europäer glaubten, die Amerikaner seien ihre moralischen Gesinnungsgenossen. Beide irrten.

Mit dem Ende des Kalten Krieges begann die Divergenz sichtbar zu werden, ohne dass sie begrifflich gefasst wurde. Die Amerikaner dehnten ihren Einflussbereich nach Osten aus, nicht aus Liebe zur Demokratie, sondern weil die Einkreisung Russlands strategische Vorteile bot. Die Europäer trugen die NATO-Osterweiterung mit, weil sie aufrichtig glaubten, damit Freiheit und Rechtsstaatlichkeit zu verbreiten. Als dann die Konsequenzen dieser Expansion in Gestalt des Ukraine-Konflikts eintraten, standen die Europäer vor einem Scherbenhaufen, den sie sich nicht erklären konnten, weil sie die amerikanische Strategie nie als das verstanden hatten, was sie war: Machtpolitik in der Verkleidung von Werten.

Die Ironie ist bitter: Die Europäer, und besonders die Deutschen, sind heute die eifrigsten Verteidiger einer Werteordnung, die von denjenigen, die sie erfunden haben, längst als bloße Fassade behandelt wird. Während Washington über Deals mit Moskau und Peking verhandelt, sobald es den eigenen Interessen dient, halten Berlin und Brüssel an einer Sanktionspolitik fest, die sie selbst am härtesten trifft, weil sie aufrichtig glauben, damit auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Sie sind die letzten Gläubigen einer Religion, deren Gründer längst das Interesse verloren haben.

 

5. Fallstudie: Der Ukraine-Konflikt als Produkt westlicher Hybris

Der russische Krieg gegen die Ukraine ist das gegenwärtig dramatischste Beispiel für die verheerenden Folgen dieser doppelten Hybris – der amerikanischen Machthybris und der europäischen Wertehybris. Die westliche Erzählung über diesen Konflikt ist so simpel wie wirkmächtig: Ein autokratisches Russland überfällt völkerrechtswidrig einen souveränen, demokratischen Staat. Diese Erzählung ist nicht falsch, aber sie ist radikal unvollständig, und ihre Unvollständigkeit ist nicht Zufall, sondern System.

Was diese Erzählung systematisch ausblendet, ist die Vorgeschichte. Die Euromaidan-Proteste von 2013/14 waren kein spontaner Ausdruck demokratischen Bürgerwillens, sondern ein Prozess, in den die USA massiv intervenierten. Das mittlerweile berühmt-berüchtigte Telefonat von Victoria Nuland, in dem sie die künftige ukrainische Regierung buchstäblich zusammenstellte, ist nur die sichtbare Spitze eines Eisbergs gezielter Einflussnahme. Die USA investierten nach eigenen Angaben über fünf Milliarden Dollar in die „Förderung der Demokratie“ in der Ukraine. Was damit gemeint war, ist klar: die Herauslösung der Ukraine aus dem russischen Einflussbereich und ihre Integration in die westliche Sphäre.

Hier zeigt sich das transatlantische Missverständnis in seiner ganzen Tragik. Für die USA war die Ukraine ein Schachstein im geostrategischen Spiel gegen Russland. Für die Europäer war der Maidan ein Aufbruch zur Freiheit, eine Wiederholung von 1989, ein Sieg der Werte. Beide Lesarten sind auf ihre Weise wahr, aber sie beschreiben völlig verschiedene Realitäten. Die Amerikaner wussten, was sie taten; die Europäer glaubten, was sie sahen. Und Russland sah in beidem, mit einigem Recht, eine existenzielle Bedrohung.

Für Russland stellte diese Entwicklung eine existenzielle Bedrohung dar. Nicht etwa, weil Russland ein Recht auf Beherrschung der Ukraine hätte, sondern weil die NATO-Osterweiterung bis an die russische Grenze eine sicherheitspolitische Realität schuf, die kein Staat akzeptieren würde. Man stelle sich das Gedankenexperiment vor: Wie würden die USA reagieren, wenn Russland ein Militärbündnis mit Mexiko schlösse und dort Raketensysteme stationierte? Die Antwort ist bekannt: Die Kubakrise von 1962 gibt sie. Was die USA sich selbst zugestehen, nämlich das Recht auf eine Sicherheitszone an ihren Grenzen, wird Russland systematisch verweigert.

Nichts von alledem rechtfertigt den russischen Angriffskrieg. Aber es erklärt ihn. Und der Unterschied zwischen Rechtfertigung und Erklärung ist entscheidend. Die westliche Werte-Ideologie aber macht genau diesen Unterschied unmöglich, weil sie jeden Versuch, russische Sicherheitsinteressen auch nur zu verstehen, als moralische Komplizenschaft mit dem Aggressor brandmarkt. Wer erklären will, wird zum „Putinversteher“ erklärt. In dieser diskursiven Logik gibt es nur Gut und Böse, und wer Grautöne sieht, hat sich bereits schuldig gemacht.

 

6. Die ökonomischen Konsequenzen der moralischen Hybris

Die Konsequenzen dieser Haltung sind nicht nur geopolitisch, sondern auch ökonomisch verheerend. Die Entscheidung, auf russische Energie zu verzichten, wurde nicht als Ergebnis einer nüchternen Kosten-Nutzen-Analyse getroffen, sondern als moralischer Imperativ inszeniert. Man könne, so die Argumentation, nicht mit einem Völkerrechtsbrecher Geschäfte machen. Dieser Satz klingt einleuchtend, bis man bemerkt, dass er selektiv angewandt wird. Dieselben westlichen Staaten, die russisches Gas boykottieren, kaufen saudisches Öl, obwohl Saudi-Arabien seit Jahren einen völkerrechtswidrigen Krieg im Jemen führt. Die moralische Argumentation dient offensichtlich nicht der Moral, sondern der geopolitischen Positionierung.

Auch hier offenbart sich das transatlantische Gefälle: Die USA, die selbst nie von russischer Energie abhängig waren, drängten Europa zum Energieboykott, der sie selbst nichts kostete, Europa aber in eine Strukturkrise stürzte. Die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines, über deren Urheber bis heute auffällig wenig ermittelt wird, beseitigte die physische Option einer Rückkehr zum Status quo ante. Es war ein Akt, der vor allem einen Nutznießer hatte: die amerikanische Flüssiggasindustrie, die nun zu weitaus höheren Preisen den europäischen Markt bedient. Was als moralische Notwendigkeit präsentiert wurde, war für die eine Seite des Atlantiks ein gutes Geschäft und für die andere eine wirtschaftliche Katastrophe.

Die wirtschaftlichen Folgen, insbesondere für Deutschland, sind massiv. Die Energiepreise stiegen dramatisch, die Inflation erreichte Höchststände, die Industrie verlor einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Deutschland, dessen wirtschaftliches Modell jahrzehntelang auf günstiger russischer Energie beruhte, sägte sich mutwillig den Ast ab, auf dem es saß. Und es tat dies nicht einmal aus eigenem Antrieb, sondern weil es einer Werte-Logik folgte, die es von einer Hegemonialmacht übernommen hatte, die längst nach anderen Regeln spielte.

Die Inflation und der wirtschaftliche Abschwung treffen dabei diejenigen am härtesten, die ohnehin wenig haben. Die Werteideologie, die sich als Verteidigung der Freiheit und Menschenrechte präsentiert, produziert reale Verelendung bei den eigenen Bürgern. Der Widerspruch zwischen dem moralischen Anspruch und der sozialen Realität wird zum Nährboden für politische Radikalisierung.

 

7. Die richtigen Fragen, die falschen Antworten: Der Aufstieg der Rechten

Hier liegt der paradoxe Mechanismus, der die gegenwärtige politische Dynamik antreibt: Rechtskonservative und rechtsradikale Bewegungen gewinnen Zulauf, weil sie als einzige die Fragen stellen, die das politische Establishment zu stellen sich weigert. Sie fragen nach den realen Kosten der Sanktionspolitik, nach den Gründen für unkontrollierte Migration, nach dem Verlust nationaler Souveränität, nach der Kluft zwischen der politischen Rhetorik und der Lebensrealität gewöhnlicher Menschen. Dass sie diese Fragen stellen, ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass nur sie es tun.

Die Antworten, die rechtskonservative bis rechtsradikale Bewegungen liefern, sind allerdings gnadenlos falsch. Wo die Analyse eine Kritik der westlichen Werteideologie erfordern würde, bieten sie ethnischen Nationalismus. Wo differenzierte Geopolitik notwendig wäre, propagieren sie Abschottung. Wo eine Neujustierung des Verhältnisses zwischen ökonomischer Vernunft und moralischem Anspruch geboten wäre, schlagen sie den Verzicht auf Moral überhaupt vor. Sie ersetzen eine falsche Universalität durch einen ebenso falschen Partikularismus.

Das liberale Establishment steht dieser Dynamik hilflos gegenüber, weil es sich weigert, die Legitimität der Fragen anzuerkennen. Stattdessen moralisiert es: Wer diese Fragen stellt, sei Populist, Nationalist, im schlimmsten Fall Faschist. Damit wiederholt es auf innergesellschaftlicher Ebene exakt jene Struktur, die es außenpolitisch praktiziert: Es erklärt den Dissens zum moralischen Defizit, anstatt ihn als politischen Konflikt ernst zu nehmen. Die Sprachverwirrung, die der biblische Turmbau produziert hat, ist heute eine Verständigungsunfähigkeit, die nicht aus der Verschiedenheit der Sprachen resultiert, sondern aus der Weigerung, die Sprache des anderen überhaupt als Sprache anzuerkennen.

 

8. Historische Parallelen: Hybris und Zerfall

Die Geschichte kennt zahlreiche Fälle, in denen universalistische Ideologien zu Spaltung und Zerfall führten, gerade weil sie Einheit erzwingen wollten. Das Römische Imperium zerbrach nicht zuletzt daran, dass es seine Lebensform als einzig zivilisierte propagierte und die sogenannten Barbaren nur als zu Zivilisierende oder zu Vernichtende wahrnahm. Als die Barbaren schließlich nicht mehr zu integrieren waren, fehlte dem Imperium jede begriffliche Ressource, um mit der Alterität umzugehen.

Die Kreuzzüge bieten ein weiteres instruktives Beispiel. Die Idee, das Heilige Land für die Christenheit zurückzugewinnen, war von einer universalistischen Logik getragen: Der christliche Gott war der einzig wahre, und sein Herrschaftsanspruch galt überall. Die Kreuzzüge endeten bekanntlich nicht in der Befreiung Jerusalems, sondern in der Zerstörung des Byzantinischen Reiches durch christliche Kreuzfahrer und in einer jahrhundertelangen Vergiftung der Beziehungen zwischen christlicher und islamischer Welt.

Das Britische Empire bietet die vielleicht engste Parallele zur Gegenwart. Es verstand sich nicht bloß als Machtgebilde, sondern als zivilisatorische Mission: die „white man’s burden“, die angebliche Pflicht, den Rückständigen die Segnungen westlicher Zivilisation zu bringen. Diese Ideologie diente der Rechtfertigung von Ausbeutung und Unterdrückung, und ihr Zusammenbruch hinterließ eine Welt voller künstlicher Grenzen, unaufgearbeiteter Traumata und unversicherter Konflikte, deren Folgen bis heute andauern.

In all diesen Fällen war es nicht die Differenz als solche, die zur Katastrophe führte, sondern der Versuch, Differenz durch einen universalistischen Geltungsanspruch aufzuheben. Die Lektion ist stets dieselbe: Wer beansprucht, die einzige Wahrheit zu vertreten, macht Verständigung unmöglich, und zwar nicht trotz, sondern wegen seines Universalitätsanspruchs.

 

9. Die epistemische Dimension: Warum der Westen sich selbst nicht sieht

Die vielleicht beunruhigendste Dimension der gegenwärtigen Krise ist epistemischer Natur. Der westliche Werteuniversalismus ist nicht bloß eine falsche Theorie, die man durch eine bessere ersetzen könnte. Er ist eine Weltsicht, die sich gegen ihre eigene Infragestellung immunisiert hat. Wer die Universalität westlicher Werte in Frage stellt, wird nicht widerlegt, sondern moralisch disqualifiziert. Die Werte-Ideologie hat damit die Struktur eines geschlossenen Systems: Jeder Widerspruch wird als Beweis für die moralische Defiziens des Widersprechenden gewertet, nicht als möglicher Hinweis auf die Begrenztheit der eigenen Position.

Diese epistemische Geschlossenheit erklärt, warum die westlichen Gesellschaften so schlecht in der Lage sind, ihre eigene Rolle in den gegenwärtigen Konflikten zu reflektieren. Die Frage, ob die NATO-Osterweiterung ein Fehler war, ob der Maidan von außen gesteuert wurde, ob die Sanktionspolitik mehr schadet als nützt, diese Fragen können innerhalb des herrschenden Diskurses nicht gestellt werden, ohne dass der Fragende sich dem Verdacht der moralischen Komplizenschaft aussetzt. Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, die über scheinbar unbegrenzte Informationsressourcen verfügt, aber immer weniger in der Lage ist, relevante Fragen zu stellen.

Genau diese Struktur beschreibt der Babel-Mythos: Es ist nicht die Verschiedenheit der Sprachen, die die Verständigung zerstört, sondern die Hybris, die der Verschiedenheit vorausgeht. Die Menschen am Turm wollten sich „einen Namen machen“, sich also in einer einzigen Identität zusammenschließen. Die Sprachverwirrung war die göttliche Antwort auf den Versuch, Pluralität durch Uniformität zu ersetzen. Die Analogie zur Gegenwart drängt sich auf: Der westliche Versuch, eine einzige Werteordnung für die gesamte Menschheit zu etablieren, produziert nicht Einheit, sondern tiefste Spaltung.

 

10. Ausblick: Jenseits des Universalismus

Wenn die voranstehende Analyse zutrifft, dann liegt die Lösung der gegenwärtigen Spaltung nicht in einem verstärkten Bekenntnis zu westlichen Werten, sondern in deren radikaler Historisierung. Die westliche Demokratie, die Menschenrechte, die Marktwirtschaft sind keine universellen Wahrheiten, sondern historische Errungenschaften einer bestimmten Kultur, die unter bestimmten Bedingungen entstanden sind und unter bestimmten Bedingungen funktionieren. Sie können nicht exportiert werden wie eine Ware und nicht oktroyiert werden wie ein Gesetz.

Für Europa, und insbesondere für Deutschland, müsste diese Einsicht vor allem bedeuten, das Verhältnis zu den USA einer überfälligen Revision zu unterziehen. Die Vorstellung, die transatlantische Partnerschaft beruhe auf geteilten Werten, muss durch die Erkenntnis ersetzt werden, dass sie auf einer zeitweiligen Interessenkonvergenz beruhte, die inzwischen erodiert ist. Eine erwachsene europäische Außenpolitik müsste die Unterscheidung zwischen Werten und Interessen zur Grundlage machen und anerkennen, dass andere Mächte nicht deshalb defizitär sind, weil sie Interessen verfolgen, statt Werte zu predigen, sondern dass gerade die Verklärung von Interessen zu Werten die gefährlichste Form der Machtpolitik darstellt.

Was darüber hinaus notwendig wäre, ist eine Außenpolitik, die von der Anerkennung realer Machtverhältnisse und legitimer Sicherheitsinteressen ausgeht, statt von moralischen Absolutheitsansprüchen. Eine solche Politik müsste anerkennen, dass Russland ein legitimes Interesse an einer stabilen Sicherheitsarchitektur an seinen Grenzen hat, dass China ein Recht auf ein eigenes politisches Modell besitzt, und dass die Länder des Globalen Südens nicht verpflichtet sind, sich in innerwestliche Konflikte einspannen zu lassen. Das bedeutet nicht, Menschenrechtsverletzungen zu ignorieren. Es bedeutet, sie als das zu behandeln, was sie sind: politische Konflikte, die politischer Lösungen bedürfen, und nicht moralische Defizite, die durch Belehrung oder Bestrafung zu beheben wären.

Innergesellschaftlich müsste eine solche Wende bedeuten, die Fragen, die die Rechten stellen, ernst zu nehmen, ohne ihre Antworten zu übernehmen. Warum steigen die Lebenshaltungskosten? Warum funktioniert die Integration nicht? Warum werden geopolitische Entscheidungen ohne demokratische Debatte getroffen? Diese Fragen verlangen nach differenzierten, nüchternen Antworten, nicht nach moralischer Entrüstung über die Fragenden.

Der Turmbau zu Babel scheiterte nicht, weil die Menschen zu verschieden waren, sondern weil sie in ihrem Einheitsstreben die Verschiedenheit zu überwinden suchten, die das Menschsein ausmacht. Der zweite Turmbau, der des westlichen Werteuniversalismus, scheitert aus demselben Grund. Die Aufgabe bestünde darin, aus diesem Scheitern nicht Nihilismus oder Zynismus abzuleiten, sondern eine realistische Bescheidenheit, die anerkennt, dass die eigene Perspektive eine Perspektive unter vielen ist, und dass Koexistenz nicht auf Übereinstimmung beruhen muss, sondern auf dem Respekt vor der unaufhebbaren Verschiedenheit menschlicher Lebensformen.