Dr. Wolfgang Stegemann
Dr. Wolfgang Stegemann

Turmbau zu Babel 2.0

Wie der westliche Werteuniversalismus die Welt spaltet

 

„Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, dass wir uns einen Namen machen.“

Genesis 11,4

1. Einleitung: Die Sprachverwirrung der Gegenwart

Die biblische Erzählung vom Turmbau zu Babel beschreibt eine Menschheit, die in übersteigertem Selbstvertrauen einen Turm bis zum Himmel errichten will und dafür mit Sprachverwirrung bestraft wird. Die Menschen können einander nicht mehr verstehen, das gemeinsame Projekt zerbricht, und sie zerstreuen sich über die Erde. Was als theologische Parabel angelegt war, erweist sich heute als präzise Diagnose einer politischen Wirklichkeit, in der Gesellschaften sowohl intern als auch untereinander tief gespalten sind, obwohl sie niemals über bessere technische Möglichkeiten der Verständigung verfügten.

Die These dieses Artikels lautet: Der tiefste Grund dieser Spaltung liegt nicht in mangelnder Kommunikation, nicht in ökonomischer Ungleichheit und auch nicht in kulturellen Differenzen als solchen. Er liegt in einer spezifisch westlichen Überzeugung, die ihre historischen Wurzeln wesentlich im deutschen Idealismus hat: der Annahme, dass es universelle Werte gibt, die von den westlichen Demokratien in einzigartiger Weise vertreten werden, und dass diese Werte einen unbedingten Geltungsanspruch gegenüber allen anderen Kulturen und politischen Ordnungen besitzen. Diese Überzeugung, so das Argument, ist keine neutrale philosophische Position, sondern eine ungeheure Hybris, die in ihren geopolitischen Konsequenzen verheerend wirkt.

2. Die ideengeschichtlichen Wurzeln des westlichen Werteuniversalismus

Um die gegenwärtige Situation zu verstehen, muss man ihre ideengeschichtliche Tiefenstruktur freilegen. Die Vorstellung universell gültiger moralischer Prinzipien ist keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Produkt einer bestimmten europäischen Denktradition. Und um den Mechanismus zu verstehen, der aus einer konkreten historischen Erfahrung ein universelles Dogma machte, muss man sich zunächst klarmachen, was die Aufklärung und die Französische Revolution tatsächlich waren, bevor der Idealismus sie in etwas anderes verwandelte.

Die Französische Revolution war in erster Linie kein humanistisches Projekt zur Verwirklichung allgemeiner Menschenrechte. Sie war die Durchsetzung bürgerlicher Macht- und Eigentumsinteressen gegen die beiden herrschenden Stände: den Adel und den Klerus. Das aufsteigende Bürgertum, das längst über wirtschaftliche Ressourcen verfügte, erklämpfte sich die politische Macht, die ihm das feudale Ständesystem vorenthielt. Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 war in diesem Sinne ein politisches Kampfdokument: Sie richtete sich gegen die Privilegien einer konkreten Herrschaftsschicht, nicht gegen Unfreiheit im Allgemeinen. Dass sie in universalistischer Sprache formuliert war, diente der Legitimation eines partikularen Interesses, nicht der Beschreibung einer philosophischen Wahrheit. Die Revolutionsregierungen, die wenig später die Terreur praktizierten, Frauen von politischen Rechten ausschlossen und in den Kolonien die Sklaverei wieder einführten, machten die Grenzen dieses „Universalismus“ von Anfang an deutlich.

Auch die philosophische Aufklärung, von Voltaire über Diderot bis Rousseau, verstand sich als Intervention in konkrete Verhältnisse. Ihr Vernunftbegriff war zunächst ein polemischer: Vernunft war das, was die bestehende Ordnung als unvernünftig entlarvte. Die Aufklärung war, mit einem Wort, situiert. Sie wusste, gegen wen sie kämpfte, und sie wusste, für wen.

Der deutsche Idealismus vollzog dann jene folgenreiche Überhöhung, die aus einer bürgerlichen Machtdurchsetzung ein metaphysisches Prinzip machte. Man kann den Vorgang an konkreten Texten festmachen. Kant formulierte 1795 in seiner Schrift „Zum ewigen Frieden“ die Idee einer weltbürgerlichen Ordnung, die auf republikanischen Verfassungen beruhen sollte. Was als Friedensprojekt begann, enthielt bereits den Keim des Universalismus: Nur Republiken, so Kant, seien friedensfähig, und nur die Vernunft könne bestimmen, was eine Republik sei. Damit war die eigene Verfassungsform zum Maßstab für alle erklärt.

Fichte trieb diesen Gedanken in den „Reden an die deutsche Nation“ (1808) ins Nationale: Die Deutschen seien aufgrund ihrer Sprache und Kultur in besonderer Weise befähigt, Träger universeller Werte zu sein. Was bei Kant noch formal und kosmopolitisch gemeint war, wurde bei Fichte zu einem kulturellen Exklusivitätsanspruch: Universalität war nun nicht mehr das Ergebnis reiner Vernunft, sondern das Privileg einer bestimmten Nation.

Hegel schließlich vollendete die Transformation in seinen „Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte“. Dort deutete er die Weltgeschichte als fortschreitende Verwirklichung der Freiheit, gegliedert in Stufen: die orientalische Welt, in der nur einer frei sei (der Despot); die griechisch-römische Welt, in der einige frei seien; und die germanisch-christliche Welt, in der alle frei seien. Außereuropäische Gesellschaften wurden in diesem Schema zu Vorstufen einer Entwicklung, deren Ziel in den europäischen Verfassungsstaaten bereits erreicht war. Afrika erklärte Hegel ausdrücklich zum „geschichtslosen Kontinent“. Die philosophische Überhöhung der bürgerlichen Revolution war damit zugleich eine philosophische Entwertung aller nichteuropäischen Lebensformen.

Genau hier liegt der entscheidende Kategorienfehler: Die spezifische Durchsetzung bürgerlicher Interessen gegen eine spezifische Herrschaftsform wurde in ein universelles Prinzip umgedeutet, das nun beansprucht, für alle Menschen an allen Orten und zu allen Zeiten zu gelten. Wer „Freiheit“ nicht mehr als Befreiung von konkreter Unterdrückung versteht, sondern als metaphysisches Prinzip, der kann dieses Prinzip überallhin exportieren, auch dorthin, wo ganz andere Machtverhältnisse bestehen und ganz andere Emanzipationsprozesse nötig wären. Die europäische Selbstbefreiung vom Feudalismus wurde so zur Blaupause für die gesamte Menschheit erklärt, und wer dieser Blaupause nicht folgte, galt fortan nicht als anders, sondern als rückständig.

Diese ideengeschichtliche Linie wurde im 20. Jahrhundert säkularisiert und politisiert. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und insbesondere nach 1989 verfestigte sich im Westen die Überzeugung, dass die liberale Demokratie westlicher Prägung das definitive Modell politischer Organisation darstelle. Francis Fukuyamas These vom „Ende der Geschichte“ brachte diese Haltung auf den Punkt und war, ob Fukuyama dies beabsichtigte oder nicht, die populärkulturelle Neuauflage von Hegels Geschichtsphilosophie: Die Geschichte hat eine Richtung, und diese Richtung führt zur westlichen Demokratie. Was bei Hegel „germanisch-christliche Welt“ hieß, hieß nun „liberale Demokratie“. Die Struktur war identisch.

3. Der neokolonialistische Charakter der Werte-Ideologie

Was sich als universelle Werteordnung präsentiert, ist bei genauerem Hinsehen eine partikulare Weltanschauung, die sich universal setzt. Diese Struktur ist keineswegs neu. Sie wiederholt in säkularisierter Form die Logik der christlichen Missionierung: Wie einst das Christentum als einzig wahre Religion auch gegen den Willen der Missionierten verbreitet wurde, so wird heute die liberale Demokratie westlicher Prägung als einzig legitime Gesellschaftsform propagiert. Die Parallele reicht bis in die Methoden: Wirtschaftliche Sanktionen ersetzen den Handelsboykott, mediale Kampagnen die Predigt, Régime Change die Bekehrung.

Der neokolonialistische Charakter dieser Werteideologie zeigt sich darin, dass sie systematisch die Perspektive derjenigen ausblendet, die sich nicht freiwillig in die westliche Ordnung einfügen. Wenn China ein eigenes Modell politischer Organisation verfolgt, wenn Russland sich gegen die NATO-Osterweiterung wehrt, wenn afrikanische Staaten sich weigern, westliche Sanktionspolitik mitzutragen, wird dies nicht als legitime Ausübung politischer Souveränität wahrgenommen, sondern als moralisches Defizit. Die Differenz wird nicht als politische Differenz verstanden, die nach politischen Lösungen verlangt, sondern als Differenz zwischen Zivilisation und Barbarei. Das ist, in säkularer Verkleidung, immer noch Hegels Stufenmodell.

Diese manichäische Weltsicht macht Dialog im eigentlichen Sinne unmöglich. Denn Dialog setzt voraus, dass man die Position des Gegenübers als eine ernstzunehmende Perspektive anerkennt, auch wenn man sie nicht teilt. Wenn aber die eigene Position bereits als universell gültig feststeht, kann das Gegenüber nur noch belehrt, nicht mehr gehört werden. Was als „wertebasierte Außenpolitik“ firmiert, ist daher strukturell monologisch: Sie spricht, aber sie hört nicht zu.

4. Das transatlantische Missverständnis: Hegemonie und Idealismus

Die Rede vom „Westen“ als einheitlichem Akteur verdeckt eine Bruchlinie, die für das Verständnis der gegenwärtigen Krise entscheidend ist. Denn der Westen besteht aus zwei fundamental verschiedenen Logiken, die sich hinter derselben Rhetorik verbergen und einander gründlich missverstehen. Auf der einen Seite stehen die Vereinigten Staaten, auf der anderen das kontinentaleuropäische Projekt, allen voran Deutschland. Beide sprechen von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten. Aber sie meinen damit völlig Verschiedenes.

Für die USA waren Werte zu keinem Zeitpunkt ein Selbstzweck, sondern stets ein Instrument der Machtprojektion. Von der Monroe-Doktrin über die Truman-Doktrin bis hin zu den Interventionen im Irak, in Libyen und in Syrien folgte die amerikanische Außenpolitik einer klaren Logik: Die Ausbreitung amerikanischer „Werte“ diente der Sicherung amerikanischer Interessen, insbesondere ökonomischer und geostrategischer Natur. Wenn Amerika Demokratie exportierte, dann nicht, weil es an die Demokratie glaubte, sondern weil demokratische, marktwirtschaftlich orientierte Staaten verlässlichere Handelspartner und Verbündete darstellten als autokratische Regime mit eigenen Ambitionen. Man könnte sagen: Die Amerikaner vollzogen auf geopolitischer Ebene exakt das, was die Französische Revolution auf innerstaatlicher Ebene vollzogen hatte. Auch dort dienten universalistische Parolen der Durchsetzung partikularer Interessen.

Die Regierung von Donald Trump hat diesen Zusammenhang nicht erfunden, sondern lediglich offengelegt. „America First“ ist keine Abkehr von der bisherigen amerikanischen Außenpolitik, sondern deren Enthüllung. Was sich geändert hat, ist nicht die Substanz, sondern die Verpackung: Man verzichtet nun auf die idealistische Rhetorik und benennt offen, was immer schon galt.

Europa, und insbesondere Deutschland, hat den amerikanischen Werteuniversalismus für bare Münze genommen. Die Deutschen, geprägt von der idealistischen Philosophietradition und dem traumatischen Bruch mit dem Nationalsozialismus, entwickelten nach 1945 eine politische Identität, die sich wesentlich über Werte definierte. Man kann die Ironie kaum überschätzen: Ausgerechnet die Nation, deren Philosophen den Universalitätsanspruch erfunden hatten, der in den Imperialismus des 19. Jahrhunderts und die Katastrophen des 20. mündete, machte nach 1945 denselben Universalitätsanspruch zum Fundament ihrer neuen Identität. Das Grundgesetz, die europäische Integration, die Menschenrechtspolitik waren für die deutsche politische Klasse nicht bloße Rhetorik, sondern tiefste Überzeugung. Als die Amerikaner von der „Verteidigung der Demokratie“ sprachen, hörten die Deutschen: moralische Mission. Die Amerikaner meinten: Einflusszone.

Dieses Missverständnis funktionierte jahrzehntelang, weil die beiden Logiken zufällig in dieselbe Richtung wiesen. Solange die Sowjetunion der gemeinsame Gegner war, war es gleichgültig, ob man sie aus machtpolitischen oder aus wertepolitischen Gründen bekämpfte. Mit dem Ende des Kalten Krieges begann die Divergenz sichtbar zu werden. Die Amerikaner dehnten ihren Einflussbereich nach Osten aus, nicht aus Liebe zur Demokratie, sondern weil die Einkreisung Russlands strategische Vorteile bot. Die Europäer trugen die NATO-Osterweiterung mit, weil sie aufrichtig glaubten, damit Freiheit und Rechtsstaatlichkeit zu verbreiten. Als dann die Konsequenzen dieser Expansion in Gestalt des Ukraine-Konflikts eintraten, standen die Europäer vor einem Scherbenhaufen, den sie sich nicht erklären konnten, weil sie die amerikanische Strategie nie als das verstanden hatten, was sie war: Machtpolitik in der Verkleidung von Werten.

Die Ironie ist bitter: Die Europäer, und besonders die Deutschen, sind heute die eifrigsten Verteidiger einer Werteordnung, die von denjenigen, die sie erfunden haben, längst als bloße Fassade behandelt wird. Sie sind die letzten Gläubigen einer Religion, deren Gründer längst das Interesse verloren haben.

5. Fallstudie: Der Ukraine-Konflikt als Produkt westlicher Hybris

Der russische Krieg gegen die Ukraine ist das gegenwärtig dramatischste Beispiel für die verheerenden Folgen dieser doppelten Hybris. Die westliche Erzählung über diesen Konflikt ist so simpel wie wirkmächtig: Ein autokratisches Russland überfällt völkerrechtswidrig einen souveränen, demokratischen Staat. Diese Erzählung ist nicht falsch, aber sie ist radikal unvollständig, und ihre Unvollständigkeit ist nicht Zufall, sondern System.

Was diese Erzählung systematisch ausblendet, ist die Vorgeschichte. Die Euromaidan-Proteste von 2013/14 waren kein spontaner Ausdruck demokratischen Bürgerwillens, sondern ein Prozess, in den die USA massiv intervenierten. Das berühmt-berüchtigte Telefonat von Victoria Nuland, in dem sie die künftige ukrainische Regierung buchstäblich zusammenstellte, ist nur die sichtbare Spitze eines Eisbergs gezielter Einflussnahme. Die USA investierten nach eigenen Angaben über fünf Milliarden Dollar in die „Förderung der Demokratie“ in der Ukraine. Was damit gemeint war, ist klar: die Herauslösung der Ukraine aus dem russischen Einflussbereich.

Hier zeigt sich das transatlantische Missverständnis in seiner ganzen Tragik. Für die USA war die Ukraine ein Schachstein im geostrategischen Spiel gegen Russland. Für die Europäer war der Maidan ein Aufbruch zur Freiheit, eine Wiederholung von 1989, ein Sieg der Werte. Die Amerikaner wussten, was sie taten; die Europäer glaubten, was sie sahen. Und Russland sah in beidem, mit einigem Recht, eine existenzielle Bedrohung.

Man stelle sich das Gedankenexperiment vor: Wie würden die USA reagieren, wenn Russland ein Militärbündnis mit Mexiko schlösse und dort Raketensysteme stationierte? Die Antwort ist bekannt: Die Kubakrise von 1962 gibt sie. Was die USA sich selbst zugestehen, nämlich das Recht auf eine Sicherheitszone an ihren Grenzen, wird Russland systematisch verweigert.

Die Selektivität des westlichen Völkerrechtsverständnisses lässt sich an einem konkreten Präzedenzfall demonstrieren, der in der gegenwärtigen Debatte systematisch ausgeblendet wird: dem Kosovo. 1999 bombardierte die NATO Serbien 78 Tage lang, ohne Mandat des UN-Sicherheitsrates, und unterstützte anschließend die Herauslösung des Kosovo aus dem serbischen Staatsverband. Die Begründung lautete: humanitäre Intervention und Selbstbestimmungsrecht der Völker. Die territoriale Integrität Serbiens, ein ehernes Prinzip des Völkerrechts, wurde für nachrangig erklärt gegenüber dem Recht einer Bevölkerungsgruppe, sich aus einem Staat zu lösen, der sie unterdrückte. 2008 erkannte der Westen die einseitige Unabhängigkeitserklärung des Kosovo an, gegen den ausdrücklichen Widerstand Serbiens und Russlands. Putin warnte damals, dass der Kosovo-Präzedenzfall auf andere Regionen angewandt werden würde. Man hörte nicht zu.

Als Russland 2014 die Krim annektierte und sich dabei auf dieselben Prinzipien berief, auf die sich der Westen im Kosovo gestützt hatte — Selbstbestimmung, Schutz einer bedrohten Bevölkerung —, wurde dies als flagranter Völkerrechtsbruch verurteilt. Das Prinzip der territorialen Integrität, das im Fall Serbiens bereitwillig beiseitegeschoben worden war, galt plötzlich wieder als unantastbar. Die Botschaft war unmissverständlich: Dieselbe Handlung ist völkerrechtskonform, wenn der Westen sie vollzieht, und völkerrechtswidrig, wenn Russland sie vollzieht. Nicht das Prinzip entscheidet, sondern der Akteur. Genauer gesagt: Nicht Werte entscheiden, sondern Macht. Das ist exakt die Struktur, die der gesamte Artikel beschreibt: universalistische Prinzipien, die selektiv angewandt werden und damit ihren universellen Charakter verlieren, ohne dass dies von den Anwendenden bemerkt wird.

Nichts von alledem rechtfertigt den russischen Angriffskrieg. Aber es erklärt ihn. Und der Unterschied zwischen Rechtfertigung und Erklärung ist entscheidend. Die westliche Werte-Ideologie aber macht genau diesen Unterschied unmöglich, weil sie jeden Versuch, russische Sicherheitsinteressen auch nur zu verstehen, als moralische Komplizenschaft brandmarkt. Wer erklären will, wird zum „Putinversteher“ erklärt. In dieser diskursiven Logik gibt es nur Gut und Böse, und wer Grautöne sieht, hat sich bereits schuldig gemacht.

6. Die ökonomischen Konsequenzen der moralischen Hybris

Die Entscheidung, auf russische Energie zu verzichten, wurde nicht als Ergebnis einer nüchternen Kosten-Nutzen-Analyse getroffen, sondern als moralischer Imperativ inszeniert. Man könne nicht mit einem Völkerrechtsbrecher Geschäfte machen. Dieser Satz klingt einleuchtend, bis man bemerkt, dass er selektiv angewandt wird: Dieselben Staaten, die russisches Gas boykottieren, kaufen saudisches Öl, obwohl Saudi-Arabien seit Jahren einen völkerrechtswidrigen Krieg im Jemen führt.

Auch hier offenbart sich das transatlantische Gefälle: Die USA, die selbst nie von russischer Energie abhängig waren, drängten Europa zum Energieboykott, der sie selbst nichts kostete, Europa aber in eine Strukturkrise stürzte. Die Sprengung der Nord-Stream-Pipelines beseitigte die physische Option einer Rückkehr zum Status quo ante. Es war ein Akt, der vor allem einen Nutznießer hatte: die amerikanische Flüssiggasindustrie, die nun zu weitaus höheren Preisen den europäischen Markt bedient. Was als moralische Notwendigkeit präsentiert wurde, war für die eine Seite des Atlantiks ein gutes Geschäft und für die andere eine wirtschaftliche Katastrophe.

Deutschland, dessen wirtschaftliches Modell jahrzehntelang auf günstiger russischer Energie beruhte, sägte sich mutwillig den Ast ab, auf dem es saß. Und es tat dies nicht einmal aus eigenem Antrieb, sondern weil es einer Werte-Logik folgte, die es von einer Hegemonialmacht übernommen hatte, die längst nach anderen Regeln spielte. Die Inflation und der wirtschaftliche Abschwung treffen dabei diejenigen am härtesten, die ohnehin wenig haben. Der Widerspruch zwischen dem moralischen Anspruch und der sozialen Realität wird zum Nährboden für politische Radikalisierung.

7. Die richtigen Fragen, die falschen Antworten: Der Aufstieg der Rechten

Hier liegt der paradoxe Mechanismus, der die gegenwärtige politische Dynamik antreibt: Rechtskonservative und rechtsradikale Bewegungen gewinnen Zulauf, weil sie als einzige die Fragen stellen, die das politische Establishment zu stellen sich weigert. Sie fragen nach den realen Kosten der Sanktionspolitik, nach den Gründen für unkontrollierte Migration, nach dem Verlust nationaler Souveränität, nach der Kluft zwischen politischer Rhetorik und Lebensrealität. Dass sie diese Fragen stellen, ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass nur sie es tun.

Die Antworten, die sie liefern, sind allerdings gnadenlos falsch. Wo die Analyse eine Kritik der westlichen Werteideologie erfordern würde, bieten sie ethnischen Nationalismus. Wo differenzierte Geopolitik notwendig wäre, propagieren sie Abschottung. Sie ersetzen eine falsche Universalität durch einen ebenso falschen Partikularismus.

Das liberale Establishment steht dieser Dynamik hilflos gegenüber, weil es sich weigert, die Legitimität der Fragen anzuerkennen. Stattdessen moralisiert es: Wer diese Fragen stellt, sei Populist, Nationalist, im schlimmsten Fall Faschist. Damit wiederholt es auf innergesellschaftlicher Ebene exakt jene Struktur, die es außenpolitisch praktiziert: Es erklärt den Dissens zum moralischen Defizit, anstatt ihn als politischen Konflikt ernst zu nehmen.

8. Historische Parallelen: Hybris und Zerfall

Die Geschichte kennt zahlreiche Fälle, in denen universalistische Ideologien zu Spaltung und Zerfall führten, gerade weil sie Einheit erzwingen wollten. Das Römische Imperium zerbrach nicht zuletzt daran, dass es seine Lebensform als einzig zivilisierte propagierte und die sogenannten Barbaren nur als zu Zivilisierende oder zu Vernichtende wahrnahm. Die Kreuzzüge endeten nicht in der Befreiung Jerusalems, sondern in der Zerstörung des Byzantinischen Reiches durch christliche Kreuzfahrer und in einer jahrhundertelangen Vergiftung der Beziehungen zwischen christlicher und islamischer Welt.

Das Britische Empire bietet die vielleicht engste Parallele zur Gegenwart. Es verstand sich nicht bloß als Machtgebilde, sondern als zivilisatorische Mission: die „white man’s burden“. Auch hier diente die Universalitätsrhetorik der Rechtfertigung partikularer Interessen, genau wie bei der Französischen Revolution, genau wie bei der amerikanischen Außenpolitik. Die Struktur wiederholt sich: Partikulare Macht kleidet sich in universale Werte, und wer die Verkleidung durchschaut, wird zum Feind der Zivilisation erklärt.

In all diesen Fällen war es nicht die Differenz als solche, die zur Katastrophe führte, sondern der Versuch, Differenz durch einen universalistischen Geltungsanspruch aufzuheben.

9. Die epistemische Dimension: Warum der Westen sich selbst nicht sieht

Die vielleicht beunruhigendste Dimension der gegenwärtigen Krise ist epistemischer Natur. Der westliche Werteuniversalismus ist nicht bloß eine falsche Theorie, die man durch eine bessere ersetzen könnte. Er ist eine Weltsicht, die sich gegen ihre eigene Infragestellung immunisiert hat. Wer die Universalität westlicher Werte in Frage stellt, wird nicht widerlegt, sondern moralisch disqualifiziert. Jeder Widerspruch wird als Beweis für die moralische Defiziens des Widersprechenden gewertet, nicht als möglicher Hinweis auf die Begrenztheit der eigenen Position.

Diese epistemische Geschlossenheit erklärt, warum die westlichen Gesellschaften so schlecht in der Lage sind, ihre eigene Rolle in den gegenwärtigen Konflikten zu reflektieren. Die Frage, ob die NATO-Osterweiterung ein Fehler war, ob der Maidan von außen gesteuert wurde, ob die Sanktionspolitik mehr schadet als nützt, diese Fragen können innerhalb des herrschenden Diskurses nicht gestellt werden, ohne dass der Fragende sich dem Verdacht der moralischen Komplizenschaft aussetzt. Das Ergebnis ist eine Gesellschaft, die über scheinbar unbegrenzte Informationsressourcen verfügt, aber immer weniger in der Lage ist, relevante Fragen zu stellen.

Genau diese Struktur beschreibt der Babel-Mythos: Es ist nicht die Verschiedenheit der Sprachen, die die Verständigung zerstört, sondern die Hybris, die der Verschiedenheit vorausgeht. Die Sprachverwirrung war die Antwort auf den Versuch, Pluralität durch Uniformität zu ersetzen.

10. Ausblick: Jenseits des Universalismus

Wenn die voranstehende Analyse zutrifft, dann liegt die Lösung der gegenwärtigen Spaltung nicht in einem verstärkten Bekenntnis zu westlichen Werten, sondern in deren radikaler Historisierung. Die westliche Demokratie, die Menschenrechte, die Marktwirtschaft sind keine universellen Wahrheiten, sondern historische Errungenschaften einer bestimmten Kultur, die unter bestimmten Bedingungen entstanden sind. Sie können nicht exportiert werden wie eine Ware und nicht oktroyiert werden wie ein Gesetz. Dass sie für diejenigen, die in ihnen leben, von hohem Wert sind, steht außer Frage. Dass sie für alle Menschen an allen Orten die einzig richtige Lebensform darstellen, ist eine Behauptung, für die es weder einen philosophischen Beweis noch eine historische Bestätigung gibt.

Für Europa müsste diese Einsicht vor allem bedeuten, das Verhältnis zu den USA einer überfälligen Revision zu unterziehen. Die Vorstellung, die transatlantische Partnerschaft beruhe auf geteilten Werten, muss durch die Erkenntnis ersetzt werden, dass sie auf einer zeitweiligen Interessenkonvergenz beruhte, die inzwischen erodiert ist. Eine erwachsene europäische Außenpolitik müsste die Unterscheidung zwischen Werten und Interessen zur Grundlage machen und anerkennen, dass die Verklärung von Interessen zu Werten die gefährlichste Form der Machtpolitik darstellt.

Der Turmbau zu Babel scheiterte nicht, weil die Menschen zu verschieden waren, sondern weil sie in ihrem Einheitsstreben die Verschiedenheit zu überwinden suchten, die das Menschsein ausmacht. Der zweite Turmbau scheitert aus demselben Grund. Die Aufgabe bestünde darin, aus diesem Scheitern eine realistische Bescheidenheit abzuleiten: die Anerkennung, dass die eigene Perspektive eine Perspektive unter vielen ist, und dass Koexistenz nicht auf Übereinstimmung beruhen muss, sondern auf dem Respekt vor der unaufhebbaren Verschiedenheit menschlicher Lebensformen.